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Dienstag, 10. Januar 2006

Hugo Chávez ein Antisemit?

Lateinamerika ist die Hoffnung der Linken. Inzwischen werden fast alle lateinamerikanischen Länder linksnationalistisch regiert. Doch dieser linke Nationalismus hat offenbar einen gefährlichen Januskopf, der sich insbesondere bei Venezuelas Präsident Hugo Chávez zeigt:

Es folgen viele populistische Phrasen des Führers: "Jesus ist die Gerechtigkeit, Jesus ist Nomade, weil er viele Dinge tat, und er ist aus vielen Gründen Nomade des Kreuzes"; er zitiert ein Buch über Christus von Giovanni Papini, eines Atheisten der als gläubiger Christ endete, trällert ein Liedchen und schaut dem Tanz Sebucán kurz zu. [...] Dann äußert Hugo Chávez, daß die Nachkommen derjenigen, die Christus ermordet hätten, sich die Reichtümer der Welt aneigneten. Eine Minderheit habe Besitz ergriffen vom Gold der Welt, vom Silber, den Mineralien, vom Wasser, vom besten Land, vom Erdöl. Sie hätten diese Reichtümer in wenigen Händen konzentriert. Mit den "Nachkommen der Christusmörder" sind die Juden gemeint, was jeder der den Präsidenten liebenden und ihm applaudierenden Zuhörer der Rede versteht.

Quelle: juedische.at

Und wieder einmal bin ich etwas überzeugter von der These, dass es "guten" Populismus nicht gibt. Vereinfachungen des Weltbildes, die Aufteilung der Welt in ein Gute/Böse-Schema, führen fast immer in Verschwörungsparanoia und Sündenbockreflexe. Populismus ist ein sehr wirksames Instrument, um diese Aufteilung zu forcieren und soziale Ungleichheit der beste Nährboden für jede Form des Populismus.

Trackback URL:
http://fuckup.twoday.net/stories/1386399/modTrackback

Lisa Rosa - 10. Jan, 15:40

Haargenau!

Armut macht dumm. Dummheit in Armut neigt - immer noch und wieder - zum Antisemitismus. Antisemitismus ist dumm, sein politischer Gebrauch kann nicht klug sein, allenfalls "schlau". Wer also an der Macht ist und damit operiert, gehört zu den Verbrechern an der Menschheit. Aber solange solche Aussagen von Machthabern, wie in Deinem Beitrag zitiert, hierzulande immer nur mit viel ästhetischer Empörung als Entgleisungen des "guten Tons" interpretiert werden und nicht als das, was sie sind - nämlich entweder die Ankündigung von Verbrechen, wie bei Ahmadinedschad, oder die Aufstachelung zu Verbrechen, wie bei Chavez - solange ist in Deutschland die gespielte Gegnerschaft zu solchem "Populismus" nur mit äußerster Mühe und Gutwilligkeit von einer heimlichen Komplizenschaft zu unterscheiden.

bembelkandidat - 11. Jan, 02:29

und wieder einer weniger

in der liste der durchaus beachtenswerten. nachdem mir sein populismus schon vorher säuerlich aufstieß, ich das aber auf meine empfindlichkeit und die dortigen verhältnisse schob, ist nun das faß übervoll. tja, der nationale sozialismus ist eine üble wurzel.
weil's gegen die amis geht fällt das hierzulande in großen kreisen (linken und rechten) nicht sonderlich auf, so sind die zeiten.

Hingucker (Gast) - 19. Jan, 10:11

Erst nachlesen, dann aufregen!

Medienmanipulationen sind zwar auch auf der linken Seite immer wieder gerne ein Thema, was aber manche Leute nicht davon abhält, gleich auf die erste Manipulation hereinzufallen, die über den Weg ist. So ein Fall ist der Antisemitismus-Vorwurf gegen Chávez. Mensch Leute, lest Euch doch die Rede mal durch, statt aufgrund eines völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Satzes durchzudrehen. Hintergrund der Manipulationen ist nicht ein angeblicher Antisemitismus von Chávez, sondern das Weltsozialforum, das nächste Woche in Caracas beginnt - und genau das passt einigen nicht (oder warum sonst bezieht sich das Simon Wiesenthal Center in seiner Polemik gegen Chávez ausdrücklich auf das Sozialforum?)

Der Absatz aus Chávez' Rede, um den es geht, lautet so:

„Eines Tages wurden die Alten von hier weggebracht. Warum, fragte ich. Sicherlich, weil es kein Geld gab, weder beim Gouverneur von Miranda noch beim Gouverneur von Caracas. Es war kein Geld da. Wo war das Geld? Das Geld in Venezuela wurde konzentriert, ebenso wie in der ganzen Welt, denn das ist ein weltweites Phänomen, wißt ihr? Ich habe heute morgen gerade den letzten Bericht der Vereinten Nationen über die Situation der Welt gelesen, und es ist alarmierend, deshalb sage ich, dass heute mehr denn je in 2005 Jahren Jesus der Christus gebraucht wird, denn die Welt geht jeden Tag mehr zugrunde, Tag für Tag, bei allem Reichtum der Welt. Gott, die Natur ist weise, die Welt hat genügend Wasser, damit wir alle Wasser haben können. Die Welt hat genügend Reichtümer, genug Böden, um genügend Lebensmittel für die gesamte Weltbevölkerung zu produzieren. Die Welt hat genügend Steine und Mineralien für den Aufbau, damit niemand ohne Obdach bleibt. Die Welt hat genug für alle, aber einige Minderheiten, die Nachkommen der selben, die Christus kreuzigten, die Nachkommen derer, die Bolívar von hier vertrieben und ihn auch auf ihre Weise in Santa Marta, dort in Kolumbien, kreuzigten, eine Minderheit eignete sich die Reichtümer der Welt an. Eine Minderheit bemächtigte sich des Goldes des Planeten, des Silber, der Mineralien, der Gewässer, der guten Böden, des Erdöls, der Reichtümer, und sie haben die Reichtümer in wenigen Händen konzentriert: Weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung besitzen mehr als die Hälfte des Reichtums der ganzen Welt und mehr als die Hälfte der Bewohner des Planeten sind arm und jeden Tag gibt es mehr Arme auf der ganzen Welt. Hier stehen wir, entschlossen, die Geschichte zu verändern und jeden Tag begleitet uns auf diesem Weg eine größere Zahl von Staatschefs, Präsidenten und Führungspersönlichkeiten...“

(Übersetzung: Netzwerk Venezuela, http://www.netzwerk-venezuela.de/inhalt/solidaritaet/detail.php?nr=716&kategorie=solidaritaet)

Und wer Spanisch kann, kann sich natürlich auch die komplette Rede von Chávez durchlesen: http://www.mci.gob.ve/alocuciones1.asp?id=398

Hackmeck - 19. Jan, 12:14

Vielen Dank!

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