Die geflügelte Jahresendfigur
Sprecher 1, barsch: "Halt, kein Zutritt zur Jahresendfeier!"
Sprecher 2: "Aber, ich bin doch der bestellte...eh, Jahresendmann".
Karikatur aus der Satirezeitschrift "Eulenspiegel", DDR 1979
Die meisten großen Zitate der Weltgeschichte haben die ihnen zugeschriebenen Persönlichkeiten nie gesagt. Trotzdem bleiben sie erhalten, werden weiterzitiert und geglaubt. Das liegt meistens daran, dass sie wie die Faust aufs Auge zu den Persönlichkeiten passen. Sie hätten genau einen solchen Ausspruch tätigen können.
Ähnlich verhält es sich wohl mit der Urban Legend um die Umbennung des Weihnachtsengels in "Jahresendflügelpuppe" in der DDR. Die FAZ berichtete 1982, auf den Weihnachtsmärkten des Osten hießen die Weihnachtsengel nun "Jahresendflügelpuppen". Selbiges behauptete die Welt noch am 24. Dezember im letzten Jahr, die Frankfurter Rundschau am 22. November 2004 und die Welt am Sonntag am 10. November 2002. In der Welt übrigens mit dem Zusatz "und auf dem Baum prangte der Sowjetstern".
Aber wie so oft, ist das alles zu schön, um wahr zu sein:
"Im Westen ist das soweit vorgedrungen in die Köpfe von Journalisten und Experten, dass sie angenommen haben, so hätten Menschen gesprochen. Das war von mir nie behauptet worden, dass die Menschen dieses Wort Jahresendflügelfigur anders als ironisch angewendet hätten".
Wurde es überhaupt verwendet? Vielleicht auf handgeschriebenen Schaufensterschildchen. Doch es fand sich bis heute keine Verpackung mit entsprechendem Aufdruck. Und nirgendwo eine schriftlich dokumentierte Anweisung.
Dr. Konrad Auerbach, Direktor des Seiffener Spielzeugmuseums, fasst den Stand der Forschung zusammen: "Ich glaube der Stand zur Zeit ist so - sicherlich mag es da oder dort auch Anweisungen oder Überlegungen dazu gegeben haben - in der erzgebirgischen Produktionsrealität hat dieser Begriff keine Bedeutung gehabt".
Die Nachfrage bei den Herstellern der erzgebirgischen Lichterengel ergab: Alle hatten zwar irgendwann einmal von diesem Begriff gehört. Aber umgetauft hatten sie ihre Produkte nie. Das wäre nämlich geradezu geschäftsschädigend gewesen. Denn zu 99 Prozent gingen die Lichterengel wie auch die Pyramiden als Exportgüter in den Westen.
Die "Geflügelte Jahresendfigur" ist gewissermaßen eine sozialistische Engelslegende. Die im Kopf des unbekannten Funktionärs Gestalt annahm, aber niemals die Massen ergriff.
Quelle: mdr.de
Nachtrag vom 25. Dezember 2006:
Inzwischen hat sich Spiegel Online ausführlich dem Thema angenommen.
Sprecher 2: "Aber, ich bin doch der bestellte...eh, Jahresendmann".
Karikatur aus der Satirezeitschrift "Eulenspiegel", DDR 1979
Die meisten großen Zitate der Weltgeschichte haben die ihnen zugeschriebenen Persönlichkeiten nie gesagt. Trotzdem bleiben sie erhalten, werden weiterzitiert und geglaubt. Das liegt meistens daran, dass sie wie die Faust aufs Auge zu den Persönlichkeiten passen. Sie hätten genau einen solchen Ausspruch tätigen können.
Ähnlich verhält es sich wohl mit der Urban Legend um die Umbennung des Weihnachtsengels in "Jahresendflügelpuppe" in der DDR. Die FAZ berichtete 1982, auf den Weihnachtsmärkten des Osten hießen die Weihnachtsengel nun "Jahresendflügelpuppen". Selbiges behauptete die Welt noch am 24. Dezember im letzten Jahr, die Frankfurter Rundschau am 22. November 2004 und die Welt am Sonntag am 10. November 2002. In der Welt übrigens mit dem Zusatz "und auf dem Baum prangte der Sowjetstern".
Aber wie so oft, ist das alles zu schön, um wahr zu sein:
"Im Westen ist das soweit vorgedrungen in die Köpfe von Journalisten und Experten, dass sie angenommen haben, so hätten Menschen gesprochen. Das war von mir nie behauptet worden, dass die Menschen dieses Wort Jahresendflügelfigur anders als ironisch angewendet hätten".
Wurde es überhaupt verwendet? Vielleicht auf handgeschriebenen Schaufensterschildchen. Doch es fand sich bis heute keine Verpackung mit entsprechendem Aufdruck. Und nirgendwo eine schriftlich dokumentierte Anweisung.
Dr. Konrad Auerbach, Direktor des Seiffener Spielzeugmuseums, fasst den Stand der Forschung zusammen: "Ich glaube der Stand zur Zeit ist so - sicherlich mag es da oder dort auch Anweisungen oder Überlegungen dazu gegeben haben - in der erzgebirgischen Produktionsrealität hat dieser Begriff keine Bedeutung gehabt".
Die Nachfrage bei den Herstellern der erzgebirgischen Lichterengel ergab: Alle hatten zwar irgendwann einmal von diesem Begriff gehört. Aber umgetauft hatten sie ihre Produkte nie. Das wäre nämlich geradezu geschäftsschädigend gewesen. Denn zu 99 Prozent gingen die Lichterengel wie auch die Pyramiden als Exportgüter in den Westen.
Die "Geflügelte Jahresendfigur" ist gewissermaßen eine sozialistische Engelslegende. Die im Kopf des unbekannten Funktionärs Gestalt annahm, aber niemals die Massen ergriff.
Quelle: mdr.de
Nachtrag vom 25. Dezember 2006:
Inzwischen hat sich Spiegel Online ausführlich dem Thema angenommen.
Hackmeck - 18. Dez, 12:08
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