Donnerstag, 3. November 2005

Inzest

Dem "vielleicht letzten Tabuthema unserer Gesellschaft" widmet sich heute SPON in einem klar Stellung beziehendem Artikel: es geht um Inzest. Jedes Gesetz, so habe ich es mal in meinem Politikstudium gelernt, muss sich direkt oder indirekt von einem im Grundgesetz verankerten Rechtsgut ableiten lassen. Schwierig wird es tatsächlich das Verbot des Beischlafs zwischen Verwandten in Paragraph 173 von einem solchen Rechtsgut abzuleiten:

Verfolgt man die Kommentierung des Paragrafen 173, stößt man auf allerlei Merkwürdigkeiten. Im Leipziger Kommentar bezweifelt Karlhans Dippel, "was eigentlich die Strafvorschrift rechtfertigt", und plädiert dafür, sie zu streichen. Bei Tröndle/Fischer heißt es: "Eine Legitimation der Strafdrohung fällt schwer." Vor allem die Frage, welches Rechtsgut durch die Vorschrift eigentlich geschützt werden soll, plagt fast alle Kommentatoren.

Quelle: SPON

In vielen anderen Ländern wird Inzest übrigens nicht bestraft:

In den Ländern allerdings, die dem aufklärerischen französischen Code Pénal folgten, ist Inzest heute straflos, so in Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Portugal, der Türkei, Japan, Argentinien, Brasilien und anderen lateinamerikanischen Staaten. Der italienische Codice Penale bestraft Inzest nur, wenn öffentliches Ärgernis entsteht.

Quelle: SPON

Am ehesten rechtfertigen ließe das Gesetz noch mit dem erhöhten Risiko einer genetisch bedingten Krankheit bei Nachkommen aus verwandtschaftlicher Liebe. Allerdings, so bemerkt beispielsweise Claus Roxin, Professor für Straftrecht, wird "die Verhinderung erbkranken Nachwuchses auch im Übrigen von unserer Rechtsordnung nicht mit strafrechtlichen Mitteln erstrebt". Aber selbst ob der Nachwuchs einer solchen Verbindung erhöhter genetisch bedingter Krankheitsrisikien ausgesetzt ist, ist offenbar strittig. Im SPON-Artikel wird diese Meinung gar als "Volksglauben" diffamiert:

Selbst die im Volksglauben wurzelnde Furcht vor genetisch-biologischer Schädigung der Nachkommenschaft hat die naturwissenschaftliche Forschung schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts relativiert. Einen Beweis dafür, dass Inzest-Kinder von Eltern, deren Erbanlagen gesund sind, kränker seien oder eher geistig behindert als Kinder Nicht-Verwandter, gibt es nicht.

Das stimmt so allerdings nicht, wenn man dem recht seriös wirkenden Wikipedia-Artikel zum Thema Glauben schenken kann:

Kommt es beim Inzest zur Fortpflanzung, nimmt die Variabilität der Gene bei so gezeugten Nachkommen und der Heterosis-Effekt ab, während die Homozygotie steigt. Dadurch wird das Risiko des Ausbruchs von heterozygoten Erbkrankheiten bei den Kindern erhöht, gleichzeitig werden aber positive Erbmerkmale propagiert.

Meist besteht eine Erbkrankheit darin, dass ein für den Stoffwechsel notwendiges Protein fehlt, da das entsprechende Gen "nicht richtig funktioniert", weil es (etwa durch Mutation) beschädigt ist. Es kann vorkommen, dass ein betroffenes Individuum eine Erbkrankheit nicht ausbildet, weil es von dem Gen jeweils eine "funktionierende" und eine "nicht funktionierende" Variante besitzt, wobei mit der einen funktionierenden Variante eine ausreichende Menge des betroffenen Proteins hergestellt werden kann. Eine solche Erbkrankheit heißt rezessiv. Sind nun zwei Eltern genetisch nah verwandt und hat ein Elternteil eine solches nicht funktionierendes Gen, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das andere Elternteil auch ein solches nicht funktionierendes Gen besitzt. Ist dies der Fall (und dies ist wegen der großen Gen-Anzahl so gut wie immer der Fall) und wird durch beide Elternteile ein Nachkomme gezeugt, so tritt für jedes betroffene Gen der Eltern mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 25% der Fall ein, dass der Nachkomme zwei nicht funktionierende Varianten, also keine funktionierende Variante des Gens hat, was in der Regel einen "Totalausfall" der Funktionalität des Gens bedeutet, also die Ausbildung der Erbkrankheit.

Wegen der großen Anzahl der Gene ist das Risiko für die Ausbildung erblicher Defekte dieser Art bei Nachkommen von genetisch nahe verwandten recht hoch. So ist jedes zweite bis dritte Kind aus einer Beziehung zwischen Bruder und Schwester auffällig. Etwa jedes vierte ist geistig behindert, jedes siebte hat einen Geburtsdefekt und jedes achte leidet unter einer bekannten rezessiven Krankheit. Nachkommen aus inzestuösen Beziehungen werden daher aus rechtlicher Sicht als Opfer der Straftat Inzest betrachtet.


Paragraph 173 macht allerdings keinen Unterschied zwischen Beischlaf mit oder ohne Verhütungsmittel - sehr wohl aber zwischen heterosexuellen und homosexuellen Beziehungen zwischen Verwandten. Analverkehr unter Brüdern ist beispielsweise straffrei, da dieser nicht im Sinne des StGBs als "Beischlaf" gilt.

In der Tierzucht ist Inzest zur Stabilisierung von Rassenmerkmalen übrigens gang und gäbe.

Die Tierart mit der höchsten bekannten Inzestrate sind die Nacktmulle. Keiner Wunder, dass die so aussehen: ;)

ein Nacktmull
Aus dem Leben der freilaufenden bezahnten Schniedel (Telepolis)

Trackback URL:
http://fuckup.twoday.net/stories/1114586/modTrackback

Thot - 3. Nov, 02:10

Vorneweg, ich schätze die Wikipedia sehr. Doch in manchen Aussagen und dazu zähle ich die über Inzest, ist sie nur mit äusserster Vorsicht zu geniessen. Tatsächlich ist nur der Beischlaf zwischen den engen Verwandten strafbar. Analverkehr oder Fellatio ist es nicht.

Der Inzeststraftatbestand mit seiner Begründung scheint noch direkt von den Nazis herzurühren. Wie vieles andere übrigens auch was nach wie vor im Kopf des normalen Deutschen als unverrückbare Grundwahrheit schwebt. Die verheerenden Folgen dieses 12jährigen Wahnsinns sind nicht immer nur die sichtbaren, sondern das, was so unterschwellig und von kaum jemand angezweifelt noch unbemerkt in manche Erziehung einfliesst und von einer grossen Allgemeinheit als gut und richtig anerkannt wird.

Noch was zur Wikipedia. Ich hatte mich mal durch die Jahrhunderte geklickt und mir alle Päpste seit Petrus zu Gemüte geführt. Sex and Crime pur, oft. Sehr hübsch und nix heilig. Doch das nur am Rande. Das Durchklicken ist hier bei der Wikipedia sehr schön gelöst. Was mir bei einigen Päpsten auffiel, von denen ich mehr weiss. Da wurde doch nur sehr zart an gewissen Dinge gerührt. Das Konzept, dass jeder hineinpinseln kann, führt manchmal zu arger Verwässerung von brisanten Inhalten, gerade wenn es um ethisches, religiöses oder politisches geht. So mein Eindruck. Leider ist das oftmals nur schwer zu erkennen, so man nicht gerade auf ein Gebiet trifft, zu dem man mehr weiss, weil man sich bereits aus anderen Quellen und ausführlicher informierte.

Hackmeck - 3. Nov, 18:19

Ich hatte mich mal durch die Jahrhunderte geklickt und mir alle Päpste seit Petrus zu Gemüte geführt. Sex and Crime pur, oft. Sehr hübsch und nix heilig.

Jupp. Dazu auch aus dem oben erwähnten SPON-Artikel:

Papst Johannes XII., der 963 abgesetzt wurde, soll es mit seiner Mutter und seinen Schwestern getrieben haben.

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,382269,00.html
leonardo40 (Gast) - 9. Jun, 14:01

Woher stammt eigentlich das Zitat von Roxin? Bin kein Jurist und habe, auf dem flachen Lande lebend, auch keinen Zugang zu einer Unibibliothek.
Wäre für genaue Angabe der Quelle und ggf. den Kontext, in dem es steht, dankbar.

Interessant ist übrigens dieser link:

http://www.lawblog.de/index.php/archives/2006/05/26/inzestverbot-verfassungswidrig/

wie komme ich als nichtjurist sonst an die arbeit von Al-Zand/Siebenhüner?

Hackmeck - 9. Jun, 15:01

Welches Zitat meinst du denn jetzt genau? Quellen sind eigentlich alle angegeben.
leonardo40 - 13. Jun, 12:23

Roxin

ich meine dieses Roxin-Zitat aus Deinem Beitrag:

Allerdings, so bemerkt beispielsweise Claus Roxin, Professor für Straftrecht, wird "die Verhinderung erbkranken Nachwuchses auch im Übrigen von unserer Rechtsordnung nicht mit strafrechtlichen Mitteln erstrebt".

Übrigens, hast Du den Spiegel-Artikel noch? Ich hatte ihn mal kurz überflogen, er ist mir aber in damaligen Umzugswirren verlorengegangen.
(meine e-mail: Michelangelo45@hotmail.com)
Über den link zu SPON scheint das etwas umständlich zu nsein. Die 50 cents bringen mich nicht um, wenn ich das richtig verstanden habe, kann da nicht jeder bestellen. sondern muss sich anmelden.

Hackmeck - 13. Jun, 16:27

Das Zitat stammt genau aus diesem Spiegel-Online-Artikel. Nachlesen kannst du es u.a. z.B. auch im Bildblog, das auch eine längere Stelle aus dem Artikel zitiert hat:

http://www.bildblog.de/?p=921 (ganz unten)

FUCKUP Weblog

Zeitgeist-Blog und Meta-Medium

FUCKUP (First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer) ist der fiktive Computer von Captain Hagbard Celine. FUCKUP, der sich auf dem goldenen U-Boot Leif Erikson befindet, ermittelt ständig, mittels eines virtuellen I Ging, die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch des 3. Weltkriegs. (Wikipedia)

Wir haben hochgeladen! kulturflatrate_button

Anzeige

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Novel Dewasa | Cerita...
very interesting article and contain useful information....
novelhot - 25. Jan, 20:16
Very nice blog, it contains...
Very nice blog, it contains lot of informations. Articles...
Cerita Sex (Gast) - 12. Okt, 08:50
Kisah Sex Nyata | Cerita...
Cerita Dewasa, Cerita Sex, Cerita Mesum, Cerita Bokep,...
Cerita Dewasa (Gast) - 12. Okt, 08:47
Prediksi Togel | Bocoran...
Prediksi Togel Hari Ini | Keluaran Angka Jitu | Ramalan...
Togel Hari Ini (Gast) - 12. Okt, 08:45
Cerita Sex, Cerita Dewasa,...
Very nice blog, it contains lot of informations. Articles...
critasex - 7. Okt, 19:47

Suche

 

Status

Online seit 4336 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 25. Jan, 20:16

Archiv

November 2005
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 

Credits


Bloginternes
Blogosphäre
Computer
Datenschutz
Disclaimer
Frisch aus dem Archiv
Fun
Geschmacklos
Gesellschaft
Kultur
Kurioses
Lokales
Markt und Konsum
Medien
Medienumschau
Musik
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren