Kultur und Software als öffentliche Güter im digitalen Zeitalter

Software und Kultur werden größtenteils immer noch als privatrechtliches Produkte verstanden mit rechtlich klar geregelten Verfügungsrechten. Lizenzen bestimmen bei proprietärer Software und Kulturgütern, wer ein Nutzungsrecht besitzt und wer nicht. Wie bei allen imatriellen Gütern lässt sich diese privatrechtliche Ordnung, die aus der kapitalistischen Produktionsweise für matrielle Güter übernommen wurde, nur mit Gewalt durchsetzen. Alleine durch die technischen Möglichkeiten des freien Kopierens und Austauschens von Daten beliebiger Art in Zeiten des Internets, werden Software und Kultur ganz automatisch faktisch zu öffentlichen Gütern, von dessen Nutzung man niemanden ausschließen kann, der weiß, wie man eine Tauschbörse benutzt.

Zwar wird durch Kopierschutzmaßnahmen wie DRM versucht, den proprietären Charakter von Kultur und Software aus der Zeit vor dem Internet beizubehalten, indem die Verfügbarkeit künstlich verknappt wird - alle diese Methoden sind jedoch zum Scheitern verurteilt. Den Kopierschutz einmal geknackt, lässt sich jeder digitale Inhalt verlustfrei beliebig oft kopieren.

Die Wurzeln westlicher Verfügungsrechte

Bevor die ersten Europäer nach Amerika kamen, kannten die Innus (indigene Bewohner der Region um Québec) keine Verfügungsrechte. Ähnlich wie in der Allmende des europäischen Mittelalters, die jeder frei nutzen konnte,durfte jeder Innu jagen, was er immer er wollte. Die Jagdgründe waren Allgemeingut.

Als die europäischen Einwanderer die Biberpelze bei den Indianern nachfragten, begannen diese die Biberpopulation durch die Jagd fast komplett auszurotten. Die Struktur der Verfügungsrechte motivierte keinen der Ureinwohner dazu, den gemeinsamen Jagdgrund zu schonen. Diese sogegannte Tragik der Allmende tritt bei allen öffentlichen Gütern auf: Hätte einer der Innus die gemeinsamen Jaggründe geschont, hätten alle von der positiven Wirkung dieses Verhaltens profitiert. Die Kosten allerdings - in diesem Fall der entgagende Gewinn durch die weniger getauschten Felle - müsste er individuell tragen. Wenn sich in einer solchen Anreizstruktur jedes Individuum streng rational nach dem homo oeconomicus-Modell verhält, kommt ein Ergebnis zustande, das allen schadet.

Der ökonomische Sinn von Verfügungsrechten

Die Tragik der Allmende kann bei Gütern, die sich privatrechtlich organisieren lassen, durch die Festlegung von Verfügungsrechten durchbrochen werden. Hätte jeder Innu einen klar abgegrenztes Gebiet der Jagdgründe für sich allein besessen, hätte aus ganz eigenem Interesse die Jagdgründe nur soweit genutzt, dass sich die Population erholt, um seine Einnahmequelle nicht zu verlieren. Selbiges gilt für die privatrechtliche Aufteilung der gemeinsam genutzten Allmende des Mittelalters, die damals regelmäßig überweidet wurde und so vielerorts kaum noch nutzbar war.

Software und Kultur als öffentliche und private Güter

Kultur war schon immer ein öffentliches Gut. Das gemeinsame kulturelle Erbe wie Volkslieder, Sagen und Märchen gehörten nie einem allein, sondern waren Teil eines kollektiven gemeinsamen Kulturschatzes, auf den jeder zurückgreifen konnte.

Erst das 20. Jahrhunderte brachte kulturelle Erzeugnisse mit festgelegten Verfügungsrechten in größerem Umfang. Das noch relativ junge Urheberrecht privatisierte die Kultur, obwohl hier nie eine Allmende-Problematik bestand. Der Grund bestand vor allem darin, dass man eine Anreizstruktur für Künstler schaffen wollte, kreativ tätig zu werden. Während das kontinentaleuropäische Urheberrecht dabei mehr die Interessen des eigentlichen Urhebers berücksichtigte, war das angloamerikanische Copyright von vorne herein eher auf die Rechteverwerter zugeschnitten.

Aber auch das kontinentaleuropäische Urheberrecht folgt längst nicht mehr den Bedürfnissen der Urheber, sondern den Berdürfnissen der Content-Industrie, die durch eine mächtige Lobby hüben wie drüben mit der Politik verbandelt ist. Urheber- und Copyrightsbestimmungen werden nicht die neuen digitalen Realitäten angepasst, sondern ständig verschärft. Die zunächst mit dem Argument der Bekämpfung des Terrorismus eingeführte lückenlose Überwachung des Internets in der EU wird inzwischen auch schon für Verfolgungen von Urhberrechtsverletzungen diskutiert, was die Industrie seit langem fordert. Sowohl angelsächschies Copyright als auch kontintaleuropäisches Urheberrecht wurden immer wieder verlängert - inzwischen weit über den Tod des Urheberrs hinaus.

Nehmen wir den Musiker. Er sitzt in seiner Bude und denkt sich: Soll ich eine Band gründen? Und dann denkt er sich: Die Laufzeit des Urheberrechts beträgt nur 50 Jahre - wenn es 95 Jahre wären, dann würde ich sofort eine Band gründen . . . (lacht).

Lawrence Lessig in der Süddeutschen Zeitung

Alternative: Kulturflatrate

Um die ökonomischen Vorteile einer Kulturflatrate gegenüber der klassischen Monopolisierung imatrieller Güter zu beschreiben, möchte ich etwas weiter ausholen:

Wenn eine Autobahn gebaut und deren Nutzung gratis ist, wird sie jeder nutzen, für den es sinnvoll erscheint - andere Erwägungen spielen keine Rolle. Die Autobahn wird also optimal ausgenutzt. Nehmen wir an, nun würde eine Maut eingeführt. Von nun an muss jeder Autofahrer zwischen zwei Präferenzen abwägen:

- Die Präferenz schnell mit dem Auto irgendwo hinzukommen
- Die Präferenz nichts zahlen zu wollen

Je nachdem, welche Präferenz stärker ausgeprägt ist, wird dann die Autobahn genutzt oder eben nicht. In vielen Fällen würde auf kostenlose Landstraßen ausgewichen. Insgesamt aber wird die bestehende Autobahninfrastruktur jedenfalls sehr viel schlechter genutzt und die, die sie dann noch nutzen, müssen sehr viel mehr pro Kopf zahlen. Dabei ist die Autobahn sogar noch ein Gut mit begrenzter Konkurrenz im Konsum: Manch einer der Stau steckt wünschte sich vielleicht sogar mehr für die Autobahn zu zahlen und dafür freie Fahrt zu haben.

Nun zur Kulturflatrate: Digitale, technisch problemlos zu kopierende Inhalte sind Güter ohne Konkurrenz im Konsum. Ob jemand anderes 20 GB Songs auf seinem iPod hat oder gar keine tangiert mich nicht. Durch Tauschbörsen wird die Infrastruktur zur freien Verteilung von digitalen Inhalten völlig kostenlos zur Verfügung gestellt.

Bei der bisherigen Rechtslage ist es jedoch so, dass man zwischen zwei Präferenzen abwägen muss, so lange ich sich nicht strafbar machen will:

- Kulturkonsum
- kein Geld ausgeben

In sehr vielen Fällen wird die Präferenz, kein Geld ausgeben zu wollen, stärker sein als die Präferenz einen betsimmten Film zu sehen oder ein Musikstück zu besitzen und abspielen zu können. Die vorhandene "Kulturinfrastruktur" wird also sehr viel weniger genutzt, als es möglich wäre.

Kultur ist ein universelles Gut, das eigentlich jeder Mensch nutzt. In irgendeiner Form konsumiert jeder Mensch Kulturgüter, seien es nun Bücher, Filme, Musik oder Hörspiele. Man könnte nun errechnen, wieviel Prozent des Einkommens die Deutschen 2004 für DVDs, Musik und andere digitale Inhalte ausgegeben haben (lassen wir Bücher mal raus, da die weitgehend noch offline rezepiert werden). Dies ließe sich dann auf eine Steuer umlegen, da ja jeder solche Inhalte nutzt - der eine mehr der andere weniger. Das damit eingenommene Geld könnte über einen Schlüssel, der per Digital Rights Managemnt-System errechnet wird, unter den Autoren verteilt werden.

Der Konsument könnte mit einer Pauschalabgabe so viel Filme und Musik herunterladen wie er nur wollte - er muss sich nicht mehr zwischen zwei Präferenzen entscheiden. Im Schnitt wäre der Betrag, den der einzelne Konsument dafür im Jahr zahlt, etwa gleich hoch wie bisher - bei dem einem mehr, beim anderen weniger als er vorher zahlte. So ziemlich jeder würde aber dann mehr digitale Inhalte nutzen, da ja eine Kulturflatrate bestehenn würde.

Die Urheber der Werke, vor allem Musiker, würde viel besser entlohnt als bisher. Das jetztige System stammt noch aus einer Zeit, in der die Verwertungsindustrie ein Monopol auf die Verbreitung von Inhalten hatte. Ihre Dienstleistung, Inhalte auf Medien zu pressen und die Vertriebskette zum Konsumenten zu organisieren ist in Zeiten von Tauschbörsen überflüssig. Sie wären die einzigen Verlierer.

Kooperationseffizienz bei nichtmatriellen Gütern

Konkurrenz ist die treibende Kraft jedes Marktmechanismus. Bei matriellen Gütern ist die Effizienz der Konkurrenz kaum zu schlagen. Anbieter konkurrieren darum die beste Ware zum niedrigsten Preis anzubieten. Insbesondere, wenn Transparenz auf Seiten der Verbraucher herrscht, wie es Preissuchmaschinen im Internet immer mehr gegeben ist, funktionieren die modelltheoretischen Annahmen der vollständigen Konkurrenz bei matriellen Gütern recht gut, auch wenn dieses Modell auch verschwenderische Auswüchse erzeugt. Ein Beispiel sind die parallel verlegten Eisenbahnschienen konkurrierender Gesellschaften in der Zeit der Industrialisierung der USA.

Bei nichtmatriellen Gütern wie Wissen und Software, setzt sich vermehrt ein Mischsystem aus Kooperation und Konkurrenz durch. Große Teile der Wirtschaft setzten inzwischen auf Open-Source-Software wie Linux, Apache und MySQL.

Der Vorteil: Niemand muss das Rad neu erfinden, doppelte und an sich unnütze Mehrarbeit bleibt erspart. Konkurriert wird um Support, nicht mehr um das Anbieten der Software-Lizenz. Die kooperativ ausgerichtete GNU General Public License schreibt jedem Nutzer jediglich vor, Änderungen am Quellcode ebenfalls wiederum der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Auch wenn sehr viele Unternehmen die Gratis-Software gerne nutzen, musste man ihnen das Konzept der Kooperation leider sehr oft erst gerichtlich aufzwingen, wie die Dokumentation unter gpl-violations.org zeigt. Für jedes einzelne Unternehmen ist es dennoch preiswerter, die bereits vorhanden Open-Source-Software zu nutzen und für die eigenen Bedürfnisse anzupassen, als die gesamte Software von Grund auf neuzuschreiben, nur um das Ergebnis unter Verschluss zu halten. Das Ergebnis ist eine Fülle von Open-Source-Software für alle möglichen Anwendungen. Der Linux-Kernel beispielsweise verrichtet inzwischen von Kleinstgeräten wie Handys und Smartphones bishin zu den meisten Supercomputern seine Arbeit. Jedes Unternehmen und jede Privatperson kann inzwischen aus einer Fülle Freier Software völig umsonst wählen, die bereits für alle möglichen Anwendungsgebiete optimiert wurde. Fast alle Webunternehmen, die in der Phase des Web 2.0 groß wurden, hätte es ohne das kooperative Modell der Open-Source-Software nicht gegeben. Branchengrößen wie Sun und IBM haben inzwischen einen Großteil ihrer Software auf Open-Source-Modelle umgestellt. John Gage, Mitgründer und Chef-Wissenschaftler von Sun Microsystems glaubt beispielsweise, dass in nicht aller zu ferne Software so gut wie jede Unternehmenssoftware Open Source sein wird. Das kooperative Modell ist im Bereich nichtmatrieller Güter effizienter als das des konkurrienden Markts.

Links
- Zur Person Lawrence Lessig: Website, Blog
- Creative Commons Deutschland
- netzpolitik.org zum Thema: Digital Rights, Creative Commons, Urheberrecht
- Wikipedia zum Urheberrecht
- Wikipedia zum Copyright
- Piratenpartei Deutschland

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