Sonntag, 10. Dezember 2006

"Neue Bürgerlichkeit"

Warum die Konservativen von heute die Revolutionäre von Morgen sein könnten.

Konservativ ist in. Zumindest das, was heute als konservativ gilt. Der Trend zu klassischen, konservativen Werten, zeigt sich bereits seit den 90er Jahren, wenn nicht sogar noch länger, wie man beispielsweise in der Jugendshellstudie 2006 nachlesen kann. Doch die Konservativen von heute, könnten die Revolutionären von Morgen sein.

Das nicht mehr taufrische Label, das man dem auferstandenen Wertekonservatismus gegeben hat, lautet "neue Bürgerlichkeit". Was wollen die neuen Bürgerlichen? Im Grund das, was bereits evolutionär bedingt immer ganz oben auf der Präferenzenliste aller Menschen zu allen Zeiten stand: Wohlstand, Sicherheit, stabile soziale Beziehungen und eine feste Partnerschaft. Erst wenn diese Grundbedürfnisse gedeckt waren, sehnte sich ein relevant großer Anteil von Menschen noch nach einer besseren Welt und revolutionären Idealen, wie die Wohlstandskinder der '68er-Generation.

Nicht so heute. Die Zeiten sind härter und die neuen Bürgerlichen versuchen sich von der wachsenden "neuen Unterschicht" abzugrenzen. Sind sie also die neue verlässliche Säule der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse in einem global und zunehmend unregulierten Kapitalismus? Eher nicht, denn die wertkonservative Präferenzordnung der Bügerlichen steht die neoliberale Wirtschaftsordnung eher im Wege. Betrachten wir die Bedürfnisse der neuen Bürgerlichen im einzelnen:

Wohlstand

Das Wohlstandsbestreben war stets eine tragende Säule der Stabilität in marktwirschaftlich organisierten Staaten. War es in ihnen dank wirtschaftlicher Freiheit und Eigentumsgarantien doch sehr viel einfacher zu einem ansehnlichen Wohlstand zu gelangen, als in den ineffizienten Planwirtschaften des Ostblocks. Im sozialfordistischen Nachrkriegseuropa war dabei insbesondere die Eigentumsbildung von Arbeitnehmern immer ein Fokus der Politik. Fast sämtliche staatliche Umverteilungsmechanismen der "Bonner Republik", von der Pendlerpauschale bis zur Eigenheimzulage, kamen nicht etwa den ärmsten der Armen, sondern zu großen Teilen der Mittelschicht zugute. Sowohl SPD als auch CDU und CSU waren als Volksparteien stets darauf bedacht ihre der Mittelschicht entstammenden Wähler- und Mitgliederklientel zufriedenzustellen. Im Grunde entstand die Mittelschicht erst durch die konsensual geprägte BRD im Kalten Krieg und seit dem Ende desselben, droht sie wieder zu verschwinden.

Nach aktueller Studie sind rund 10 Millionen Deutsche von Armut bedroht. Die Verteilung des Wohlstands über Arbeit funktioniert in zunehmenden Maße nicht mehr, weil durch Steigerung der Produktivität immer weniger Menschen immer mehr erwirtschaften können. Schon jetzt besitzen nach einer UN-Studie die reichsten 2 Prozent der Erde, 50 Prozent des Wohlstands. Nicht Arbeit schafft in erster Linie Wohlstand, sondern Kapitalbesitz. Nicht nur der Boom der US-Wirtschaft geht an einem Großteil der Menschen vorbei.

Seit der Einführung der Hartz4-Gesetze in Deutschland sind nun erstmals nicht nur sowieso bereits Stigmatisierte am Rande der Gesellschaft von Armut bedroht. Die Angst vor Armut ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nur noch ein Jahr währt der Mittelschichtspuffer ALG I und selbst viele Junge, akademisch gut ausgebildete, bekommen als "Generation Praktikum" kein Bein auf den Boden.

Sicherheit

Sicherheit ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen, das erkannte bereits Hobbes. Dieses Sicherheitsbedürfnis ist heute umfassender zu verstehen. Es bedeutet nicht nur Schutz vor Kriminalität, sondern auch und vor allem soziale Sicherheit.

Der neue "flexibiliserte" und globalisierte Kapitalismus will ein "Hire & Fire"-System weltweit etablieren und den Kapital- und Warenverkehr keinerlei Schranken unterlegen. Der globale Steuerwettbewerb lässt die Sozialsysteme vor die Wand fahren, die gesteigerte Produktivität erhöht weltweit Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit. Damit wird auch den den sozialen Frieden in Frage gestellt. Was in Deutschland nur bröckelt, ist in Frankreich längst zerstört. Auch das ein Sicherheitsproblem.

Andererseits kann die aus der Sicherheitsneigung geborene Angst auch sehr systemstabilisierend wirken: Wird eine Gefahr von außen beschworen, wie der internationaler Terrorismus, kann die Angst das eigene Leben zu verlieren durchaus andere, zwar realere aber weniger basale Sicherheitsbedürfnisse, wie soziale Absicherung, in den Hintergrund treten lassen.

Familie und stabile Beziehungen

Die Imkompabilität von konservativen Werten und neoliberaler Wirtschaftsordnung könnte kaum klarer zu Tage treten als hier. Die Gründung einer Familie erfordert Beständigkeit und Verlässlichkeit für die eigene Lebensplanung. Der von der Wirtschaft geforderte flexible Arbeitnehmer, welcher, wenn es sein muss, auch mal temporär 90 Stunden in der Woche arbeitet, sich mit Zeitarbeit über Wasser hält und regelmäßig auch mal 300 km vom alten Wohnort entfernt umzieht, ist nicht das, was man sich unter einem perfekten Familienmenschen vorstellt.

Auch die WASG ist im vielerlei Hinsicht keine klassisch-linke Partei, sondern trägt viele konservative Züge. Der Verbindung von wirtschaftspolitisch linker Rhetorik ohne linksliberales gesellschaftspolitisches Profil steht meiner Meinung in ganz Europa einem vielleicht noch ungeahnter Aufstieg bevor. Bei den letzten Parlamentswahlen der Niederlande erreichte die ehemals maoistische Sozialistische Partei 17% - mit bürgernah-populistischen Parolen. Und schon lange gibt es auch in der konservativen CDU Kritiker des noeliberale Zeitgeits wie Norbert Blüm oder Heiner Geißler. Im "Sozialismus mit bügerlichem Antlitz", wie in der WASG verkörpert, könnten sich, losgelöst von gesellschaftsliberalen Leitbildern, allerdings xenophobe und isoloationistische Tendenzen entwickeln.

Die Unzufriedenheit mit dem derzeitigen politischen und wirtschaftlichen System ist emprisch nachgewiesen sehr groß. Doch warum kanalisiert sich diese empfundene Unzufriedenheit bisher nicht in einer großen politischen Bewegung, sondern wird höchstens durch Passivität sichtbar? Weil die als Alternative zum kapitalistischen System, der real existierende Sozialismus, gescheitert ist, nachdem er sich durch brutale Unterdrückungsregime und planwirtschaftliche Ineffizienz selbst diskreditiert hatte.

Noch fehlt das politische Konzept zur stetig wachsenden Unzufriedenheit. Das wirtschaftliche Konzept der Linkspartei.PDS ist mit schwammig noch sehr wohlwollend charakterisiert, das der WASG sieht vor allem ein Zurück in den Keynsianismus der 70er Jahre vor - mit allem, was dazugehört, also auch einer Überschuldung, die nachfolgende Generationen belastet.

Die ideologische Lücke könnten Bürgergeld-Konzepte wie das von Götz Werner schließen.

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natas12 (Gast) - 13. Dez, 08:06

ach nee

konservativ und revolution in einem satz? hatten wir doch schon mal und hat zu zwei großen kriegen geführt. sich auf die konservativen zu verlassen, die morgen unsere rettung sein sollen, ist also keine gute idee... ;-)
und die shellstudie (die ja konservatismus feststellen SOLL), kombiniert mit maslow (erster absatz) ist dafür ob der methodischen schwächen in beiden fällen kein guter gewährsmann. klar, wenn der neoliberalismus, der ja in wirklichkeit neokonservatismus ist, alle ressourcen einfordert, dann greift man mangels anderer konsensualer ressourcen auf die werte von (vor)vorgestern zurück. daraus sollte man auf subjektebene keinen konservativen drall (außer den im politischen geschäft) ableiten, sondern die blanke notwendigkeit.

dass sich "linke" parolen gut verkaufen ist klar, genauso klar wie die tatsache, dass sich der neoliberalismus schon immer mit seinen gegnern gemeinsam ausdrücken konnte. mehr freiheit am arbeitsplatz, nicht mehr so tayloristisch schuften? you bet on it - der neoliberalismus sitzt / saß schon auf dieser forderung. mehr freiheit für frauen? aber bitte! der neoliberalismus braucht auch die weiblichen arbeitskräfte, und billiger sind die noch obendrein. think global, act local, "grenzen der belastbarkeit", usw. - alles slogans aus emanzipativen bewegungen, die der neoliberalismus aufgreift und mit denen er sich gemeinsam artikuliert, als sei er teil dieser emanzipation.

ach, ich verliere hier den faden, ist noch zu früh am morgen. bürgergeld, zumindest in einer angemessenen höhe, werde ich sicher nicht erleben, denn ohne arbeitszwang = kein kapitalismus. kapitalismus IST zwang zur arbeit derer, die eben keine andere möglichkeit haben. ergo kann ich auch genausogut auf den realsozialismus warten. aber halt! wenn man sich die rhetorik der neoliberalen anguckt, leben wir ja bereits im sozialismus - nicht nur im hayekschen sinne, sondern auch was die anrufungen an das subjekt anbelangt: arbeit, arbeit, arbeit und irgendwann kommt das golden age zurück. stachanow wäre stolz auf diese neoliberalen.

bitter_twisted - 24. Dez, 08:49

Das sehe ich anders

Das auf Umverteilung basierte soziale Netz funktioniert nur so lange wie es viel mehr Einzahler gibt wie Empfänger gibt. Wir sind da angekommen wohin wir sowiso unterwegs waren, zur Erkentnis das Politiker bei den Herunterbeten der sozialstaatlichen Versprechen, immer die Finger gekreutzt hatten.

Rene Guillot (Gast) - 25. Dez, 23:41

Unnötige Arbeit

Der Grund dafür, dass keiner auf die Barrikaden geht, liegt
an der Zufriedenheit der Hartz 4 Empfänger.
Kostete in den 60er Jahren eine Fernsehcamera in
Schwarzweiß noch soviel wie damals ein Einfamilienhaus, so ist eine FarbVideo mit HiFi-Stereoton nicht teurer als ein
Harz 4 Gehalt.
Kostete ein Autotelefon in den 60er Jahren soviel wie ein
Gebrauchtwagen, so ist auch das heute für einen Hartz 4
Empfänger durchaus zu wuppen.
Tatsächlich erhartzt mein Nachbar mit Wohngeld mehr, als
ich mit meinem 30 Stundenjob zusammenkriege.
Hartz 4er rauchen auch!!! Wovon eigentlich?
Ich könnte mir das garnicht leisten ohne Wohngeld.
Und Autos haben sie auch, die Hartz 4er.
Neue Armut? Armut? - Durst, Hunger ohne Zähne? -
Dank an alle Hartz 4er, die nicht unnötig auf den Arbeitsmarkt drängen! So bleibt für den Rest, der arbeitet,
wenigstens das Gehalt stabil und so können wir uns dann die Sozialabgaben für die Hartz 4er auch leisten.
Zumindest, solange wir nicht rauchen und deshalb gesund bleiben.
Genau aus diesen Gründen geht keiner demonstrieren!
Bald stehen überall die Einfamilienhäuser leer, weil Frau
Schwarzer das Kinderkriegen diskriminiert ("-Mütterwahn -")
Dann wird auch ein Haus durchaus mit dem Hartz 4-Geld
zu kaufen gehen. So, wie alles, das eine kinderlose Generation Golf zurücklassen wird. Auch das Geld lässt sie
ja zurück und vererbt es an immer weniger Menschen.
Selbst der Golf lebt heute länger als früher.
Wozu also das Armutgerede?
5 Millionen Deutschnachhilfelehrer fehlen für Migranten.
Arbeit wäre da. Nur keine Mütter, die ihren Kindern noch
eine Muttersprache hinterlassen. Krasse Krippensprache
konkret Alder ! Und die reicht nicht mal für verbindliches
Weitergeben.
Armut ist immer auch ein Defizit an Kreativität.
Davon hatten in der Tat die 68er etwas (etwas!) mehr.
Geldmangel allein ist noch keine Armut.

Rene
Christian (Gast) - 2. Jan, 10:55

Kapitalismus und Marktwirtschaft

Die Entwicklungsrichtung scheint immer deutlicher. Die Gefahren für die Gesellschaft werden greifbar. Müssen wir alles alternativlos auf uns zukommen lassen und nebenbei ein bisschen auf Godot warten? Ob die "ideologische Lücke" ein bedingungsloses Grundeinkommen schließen kann, wage ich zu bezweifeln. Ich habe viele Alternativen abgegrast, durchforstet und manches wieder ausgemistet. Das Vielversprechendste war die Erkenntnis, dass wir ein anderes Geld brauchen. Dazu: Humanwirtschaftspartei, Initiative Natürliche Wirtschaftsordnung (INWO), Regionalgeld, Tauschkreise. Namen: Proudhon, Gesell. Vielleicht hilft es dem ein oder anderen weiter..
beste Grüße
Christian

Hackmeck - 4. Jan, 08:25

"Humanwirtschaft"/"Freiwirtschaft"

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