Samstag, 4. November 2006

Das "neue Prekariat" und die Demokratie

Die sogenannte "neue Unterschicht" ist eine Gefahr für die Demokratie, heißt es nun allerorten. Erstmals in der Geschichte der BRD ist die Mehrheit der Deutschen mit der Demokratie unzufrieden. Doch was bedeutet das? Will meinen einen König? Einen Diktator? Wohl kaum. Das Problem ist weniger die Demokratie als das Wirtschaftssystem, das inzwischen an seine Grenzen stößt.

Der inzwischen weltweit agierende Kapitalismus verknüpfte im sogenannten "embedded liberalism" lange eine durch Freihandel und Marktwirtschaft hergestellte große Effizienz mit einem durch Fordismus und einer Sozialpolitik keynesianishcer Prägung auf nationaler Ebene erreichten breitem Wohlstand. Die Wirtschaft wächst nach wie vor. Weltweit wird immer mehr immer günstiger produziert, eine Folge der effizienten Marktwirtschaft, die größere Produktivität und damit auch größeren Gesamtreichtum ermöglicht.

Die Schattenseiten: Ein stetig größer werdender Teil des Reichtums wird durch den Besitz von Kapital erwirtschaftet, immer weniger durch produktive Arbeit. Was folgt ist ein Legitimationsproblem des oben und unten, das einen Großteil der Bevölkerung momentan so sehr stört.

In allen Epochen gab es ein oben und unten und in allen Epochen wurde dies durch eine Mischung aus gegenseitigen Abängigkeiten und wertebasierter Legitimation gerechtfertigt. Der Adel schwelgte im Reichtum - so die Legitimation mittelalterlicher Ständeordnung - weil er von Gott dazu bestimmt war, weil seine Angehörigen besonders "edlen Blutes" waren und weil der Adel die Bauern mit Schild und Schwert gegen andere Adelsfamlien verteidigten. Mit beginnender Aufklärung und neuen zentralstaatlich-militärischen und bürgerlich geprägten ökonomischen Strukturen, die den Adel überflüssig machten, begann auch die Macht des Adels zu bröckeln. Dem teilweise "verarmten Adel" blieben zwar noch die Titel aber Geld wurde schnell zur neuen Währung der Macht im "bürgerlichen Zeitalter". Die grundsätzlichen Werte dieses Zeitalter wirken bis heute fort: ein Humanismus, der keinem Menschen allein furch die Geburt gewisse Privilegien gewährt und eine Ethik, die stattdessen den Fleiß und die Fähigkeiten des Individuums als Ligitimation für Unterschiede heranzieht.

Der Kapitalismus konnte das Versprechen einer gerechten Entlohnung natürlich nie ganz erfüllen: Schließlich sind ein fundamentaler Bestandteil marktwirtschaftlicher Ordnungen die Renten aus Kapital. Kein Kapitalismus funktioniert ohne Investitionen und daraus folgen Einkommen ohne produktive Arbeit, seien dies Mieten, Dividenden oder Zinsen, denen kein Fleiß und keine Fähigkeit des Individuums gegenübersteht. Aber solange das Versprechen sozialer Mobilität einigermaßen aufrecht erhalten werden konnte, der Traum vom "Tellerwäscher zum Millionär" also noch nicht zur zynischen Karikatur seiner selbst wurde, war eine Legitmationsbasis geschaffen, die bei all dem Meckern über "die da oben" den westlichen Demokratien über Jahrzehnte eine erstaunliche innere Stabilität gewährte. Der Traum vom sozialen Aufstieg ist aber selbst in dessen Mutterland zur Farce verkommen. Der wirtschaftliche Aufschwung geht fast alleine auf die Konten der oberen 1%, allesamt superreiche Kapitalbesitzer, während Unter- und Mittelschicht weiter verarmen:

Der Boom der US-Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren eine Kaste von Superreichen hervorgebracht - und die zeigt gern, was sie hat. Das schürt die sozialen Spannungen, denn die Einkommen der breiten Masse sinken seit langem.

Quelle: SPON

Wir sind also an einem Punkt angelangt, an dem so viel Einkommen über Kapital erwirtschaftet wird, dass die Verteilung des Reichtums über Arbeit weder ökonomisch noch im Einklang mit den geltenden Werten von Gerechtigkeit innerhalb des zurzeit herrschenden Wirtschaftsystems möglich ist.

Eine immer größere Zahl der Bevölkerung weltweit steht außerdem nicht mehr in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zu den Kapitalbesitzern, weil sie arbeitslos sind. Neben der der Legitimation bröckelt also auch das Abhängigkeitverhältnis, die zweite Säule für eine stabile soziale Hierachie. Ein Antwort des Kapitals darauf scheint zur Zeit vorangetriebene Privatisierung der Sozialhilfe durch Unternehmen zu sein. Ohne eine im breiten gesellschaftlichen Konsens geteilte wertebasierte Legitimtät von Reichtum und Armut wird das jedoch langfristig meiner Meinung nach nicht reichen, um zunächst vermehrt auftretende soziale Unruhen und letztlich einen Kollaps des gesamten Systems zu verhindern.

Trackback URL:
http://fuckup.twoday.net/stories/2891513/modTrackback

aureliane - 4. Nov, 16:35

Meiner Meinung nach befinden wir uns bereits mitten im Umbruch. Wer auf den 'Kollaps' im Sinn eines 'schlagartigen Übergangs' spekuliert, verschliesst die Augen vor den längst tatsächlich stattfindenden Veränderungen - genausowenig wie er oder sie die Chancen verpasst, sie zu stoppen. Wer den 'Umbruch' nur auf unser Land begrenzt und globale Zusammenhänge ausblendet, hat den Anschluss verpasst. Wer damit liebäugelt, dass irgendwann revolutionsähnliche-soziale Unruhen (und ich spitze jetzt bewusst in eine sozialutopisch-linke Sichtweise zu) zu umfassenden Systemveränderungen führen könnten, verkennt die ERGEBNISSE einer wie immer gearteten gesellschaftlich-historischen Entwicklung. Wer, nochmal zugespitzt formuliert - diesmal den Focus auf unmittelbare Lebensverhältnisse in den 'RANDZONEN' der Weltstädte' - meint, dass ARMUT dazu prädestiniert, irgendwelche Verhältnisse zum Kippen zu bringen oder gar die Welt zu retten, soll sich mal bitte mit einer BESTANDSAUFNAHME des IST-ZUSTANDES auf der Grundlage konkreter Fakten konfrontieren, dann wird er/sie feststellen, dass Menschen, die nicht wissen, wo sie die nächste Mahlzeit hernehmen sollen, die nicht lesen und schreiben können, die wenn sie krank sind, keine ärztliche Versorgung geniessen, wirklich andere Probleme haben, als sich um die Möglichkeit eines 'sozialen Auf- oder Abstiegs' zu kümmern. Sie sind schlichtweg mit der Organisation ihres tagtäglichen Überlebens beschäftigt und in dieser 'Ohnmacht' eher leichtes Opfer für 'Heilslehren' (Stichwort: IDENTITÄTSBILDUNG, FUNDAMENTALISMUS --> Amin Maalouf) jeder Art. Wenn man eine IM BREITEN GESELLSCHAFTLICHEN KONSENS VERANKERTE WERTEBASIERTE LEGITIMITÄT für gesellschaftliche Verhältnisse möchte, muss man dafür sorgen, dass der LEBENSWERT FÜR ALLE in dieser Lebenswelt lebenden Menschen MÖGLICHST HOCH ist und die Kluft zwischen den Lebensbedingungen nicht so weit auseinanderdriftet, dass er für manche verloren geht. Es geht in der Tat um eine ganz lebensnahe und unmittelbare Definition von Werten, die direkt im Alltagsleben stattfindet. Aber selbst von dieser Erkenntnis scheinen wir - zumindest, was die praktische Umsetzung, nicht was das 'SCHÖNREDEN' der Politiker und Politikerinnen angeht, Jahrhunderte entfernt.

hepburn (Gast) - 7. Nov, 13:08

und die, die es betrifft?

und was sagt die sogenannte unterschicht zum thema: http://www.polylog.tv/videothek/videocast/3322/

finde das schon erhellend.

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