Montag, 11. September 2006

25 Jahre CCC

Gedanken zum Geburtstag des Hackerclubs

Vor ziemlich genau 25 Jahren, am 12. September 1981, wurde in den Redaktionräumen der taz, am legendären Tisch der Kommune 1, der Chaos Computer Club gegründet. Damit wurde zum ersten Mal in Deutschland ein politisches Sprachrohr der Hacker-Gemeinde geschaffen. Die Hacker vertraten eine Ideologie, die seit dem einen ungahnten Siegeszug antrat. Gleichzeitig wurden die schlimmsten Zukunftsängste des Clubs Realität.

Die Hacker leben in ihrer eigenen Welt. Sie fühlen sich als Pioniere des virtuellen Raums, dessen Regeln sie durch Hackerethik und Netiquette mitgeprägt haben. Wie jede Gemeinschaft, die in einer "Parallelgesellschaft" lebt, besaß auch die Hackergemeinde stets eigene Mythen und Geschichten. So eben der eigentlich relativ irrelevante Fakt, dass der Club am Tisch der Kommune 1 gegründet wurde. Damit kommt auch zum Ausdruck, in welcher Tradition man sich sieht. Trotz der Technikfeindlichkeit großer Teil der deutschen Linken in den 1980er Jahren, sahen sich viele im Club immer als Teil der linken Bewegung.

Auch gab es immer eigene Codes, die Mitglieder der Gemeinschaft von denen da draußen unterschieden. Die Dreiundzwanzig, so wussten die Eingeweihten, war nicht nur irgendeine Zahl, es war die Zahl von Robert A. Wilsons Illuminaten. Selbst in einer unschuldig daherkommenden 42 verbarg sich letztlich die Antwort auf die Frage nach dem nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Taucht irgendwo das Wort Fnord auf, wusste jeder Hacker gleich, was gemeint ist. Gerne wurden Außenstehende, die ratlos fragten, mit legendenbildenden verwirrenden Antworten verstört. Das Wort FUCKUP, Name dieses Blogs, den viele Besucher eher verstörend finden, löst wahrscheinlich bei den wenigstens Hackern schweinische Assoziationen aus, wo es sich doch lediglich um ein Akronym für "First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer" handelt.

Wie es sich für eine mythisch-verschworene Gemeinschaft abseits des gesellschaftlichen Mainstreams gehört, beschäftigte man sich auch immer gerne mit sich selbst. So ist die Geschichte des Clubs nicht erst seit dem 25. Jubiläum ein großes Thema, beispielsweise auf dem jährlich stattfindenden Chaos Communication Congress in Berlin. Einer dieser Vorträge auf dem letzten Kongress hatte den Titel "We lost the war". Resümierend und resignierend wurde konstatiert, man habe den Kampf gegen einen übermächtigen Gegner verloren. Die allumfassende elketronische Überwachung, von Anfang an ein Schreckensszenario der Bewegung, sei dank Biometrie, automatischer Gesichtserkennung, immer flächendeckenderer Videoüberwachung und RFID-Chips bereits Realität oder im Begriff umgesetzt zu werden.

Eine ganz andere Ansicht vertrat Peter Glaser, ein "Urgestein" des Clubs, im Interview mit dem Chaosradio Express. "Wir haben gewonnen" bemerke er manchmal, "nur halb im Scherz". Denn vieles, was die Hacker bei ihrer Gründung einforderten, ist heute Realität. Die Netze habe man erkunden wollen, antwortet Glaser zum Beispiel gespielt naiv, wenn er auf den "NASA-Hack" angesprochen wird, bei dem sich Hacker aus Deutschland Ende der 80er durch eine Sicherheitslücke im Betriebssystem VMS Zugang tausenden Rechnern, darunter auch denen der US-Weltraumbehörde, verschafften. Was im Deutschland der 1980er eine Straftat war, wurde mit der Erfindung des World Wide Web, dem heute mit Abstand beliebtesten Dienst des Internets, geradezu zur ersten Bügerpflicht. Während die Deutsche Post in den 80ern alles tat, um die kreative "Zweckentfremdung" des Telefonnetzes zu unterbinden, tat deren Nachfolgerin, die Telekom, mit "Robert T-Online" geradewegs so, als hätten sie das Internet erfunden.

"Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein" heißt es in der Hackerthik. Und genau das, ist heute der Fall. Computer gibt es in jedem Supermakrt, das Internet steht allen offen, Freie Software wie das Betriebssystem Linux oder der Browser Mozilla Firefox, ist inzwischen auch bei Otto-Normal-Benutzern auf dem Vormarsch und selbst die Dritte Welt beginnt am Netz zu partizipieren. Unbeschränkte Breitband-Internetzugänge werden weltweit immer billiger. Dabei sind die Träume der Venture-Kapitalisten zum Ende des letzten Jahrtausendst größtenteils geplatzt. Der ".com-Boom" um das Jahr 2000 war Zeugnis einer beispiellosen Überschätzung der kommerziellen Möglichkeiten der neuen Welt, gleichzeitig aber auch eine Unterschätzung des alten Geists im Netz, den Netzpioniere wie die des CCCs geprägt hatten.

Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er würde es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.
Bert Brecht, 1932

Die zweite große Boomphase des Internets läuft unter dem Label "Web 2.0". Wenn es auch viel Kritik am Begriff gibt, so entspricht das neue Web doch ganz dem alten Geist, der den Mediennutzer vom vom reinen Inhalte-Konsumenten zum Kommunikator machen wollte, der das Netz als umfassendes freies Kommunikationsmedium nutzt und so nicht nur Empfänger, sondern eben auch Sender ist. Eine Kultur des Freien Wissens ist mit Freien Lizenzen wie die der Creative Commons entstanden. Jugendliche begreifen das Netz und dessen Inhalte als Kultur des kreativen Teilens und Mixens. Die Erfolgsanwendungen des neuen Webs: Das Teilen von Fotos und Bildern auf Seiten wie flickr und deviantArt, das Schreiben und Diskutieren von Meinungen in Weblogs, selbsterstellte Radionsendungen (Podcasts) und Videos sowie die freie Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Ganz im Geiste des fünften Lehrsatzes der Hackerethik: "Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen."

Und auch die Hackerkultur ist längst im Mainstream angekommen: Selbst in der Rheinischen Post, der örtlichen konservativen Tageszeitung hier in Düsseldorf mit der höchsten Auflage, konnte ich gestern auf der ersten Seite lesen, dass "42" bekanntlich die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest sei. Verschwörungstheorien sind spätestens seit 9/11 en vogue und jedes Kind weiß, dass Microsoft "böse" ist und Linux von symphatischen Freaks der Welt geschenkt wurde. Nie zuvor wurde Autoritäten so wenig vertraut wie heute. Durch das Internet ist auch ein anderer, kritischerer, Umgang mit Medien entstanden. "Misstraue Autoritäten - fördere Dezentralisierung", Punkt 2 der Hackerethik, war sicher selten so umfassend in der Bevölkerung verankert wie heute.

Haben die Hacker also gewonnen? Nicht ganz. Zum einen sieht sich die zarte Blüte einer freien Netzkultur durch alte Feinde bedroht: Urheberrechte, Patente und andere Instrumente geistiger Eigentumsmonopole gefährden einerseits Inhalte, die durch das Mixen alter Inhalte enstanden, andererseits z.B. Freie Software. Und sie verbieten einen Kerngedanken des freien Netzes: Das unbeschränkte Weitergeben von Informationen.

Zum anderen ist eben auch die Schreckensvision des Clubs Realität geworden, in der Unternehmen einem gläsernen Konsumenten und Staaten totalüberwachten Bürgern gegenübertreten. Versuche ein freies Netz durch Anonymisierung zu erreichen, tritt der Staat aktiv entgegen. Auch auf diese Entwicklung macht Peter Glaser an anderer Stelle, in einem Interview mit dem Küchenradio, aufmerksam.

Letztlich haben die Hacker einen guten Riecher für die Möglichkeiten und Gefahren der neuen Technologien bewiesen. Sie haben die sich durch die Technologie eröffnenden Möglichkeiten abgeschätzt und daraus eine Utopie und eine Dystopie entwickelt. Zum heutigen Zeitpunkt scheint es, als ob beide zur Realität würden - gleichzeitig.

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http://fuckup.twoday.net/stories/2652890/modTrackback

rafael (Gast) - 11. Sep, 22:32

spanender Bericht

Danke für den Bericht, er stellt auf anschauliche Weise ein Kapitel der Informationsgesellschaft dar, welches nicht so oft kommuniziert wird...

P.S. (Gast) - 12. Sep, 18:44

schoener artikel... respekt fuer das brecht-zitat... einfach gut...

BratwurstmitSenf (Gast) - 12. Sep, 23:50

egal wer du bist

Na geil und DANKe fuer die Worte, schoene Zusammenfassung!

Nichtsdestotrotz, weder npd noch anti_fa existierten (so) ohne den aktiven Verfassungsschutz.

Wir alle sind SENDER, aber hat das was mt Geld zu tun.

Wau mit uns
BratwurstmitSenf

Pathfinder (Gast) - 13. Sep, 10:58

Ich bin mal so frei..

Ich bin mal so frei und verlinke den wirklich gut geschriebenen Text von meinem Blog aus (Post noch in Bearbeitung).
Ich glaube zwar nicht, dass es dadurch mehr leute sehen werden, aber der Text ist einfach erhaltenswert.

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FUCKUP (First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer) ist der fiktive Computer von Captain Hagbard Celine. FUCKUP, der sich auf dem goldenen U-Boot Leif Erikson befindet, ermittelt ständig, mittels eines virtuellen I Ging, die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch des 3. Weltkriegs. (Wikipedia)

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