Donnerstag, 7. September 2006

Abzock-TV: Call-in-Shows bei 9Live & Co

Es ist wahrscheinlich kein Geheimnis, dass sowohl der selbsternannte Quiz-Sender 9Live als auch Sat.1, Pro Sieben, DSF, RTL und die anderen Sender, die nachts sogenannte Call-In-Shows anbieten, vor allem ein Ziel haben: Geld verdienen. Dabei muss die Menge des ausgeschütten Geldes natürlich weit unter dem Geld bleiben, das durch die Anrufe verdient wird. Schließlich müssen auch noch Produktion, Sendeminuten und das Telefonsystem von dem Geld bezahlt werden. Trotzdem machen die privaten Sender inzwischen einen nicht unbeträchtlichen Gewinn mit den Call-In-Shows, die somit trotz Belastung des Sender-Images weiter laufen.

Wie dabei vorgegangen wird, kann man sehr schön in zusammengeschnittenen YouTube-Videos beobachten.

Dabei gibt es verschiedene Taktiken, die Leute zum Anrufen zu bewegen, ohne viel Geld ausschütten zu müssen. Das eine ist die Hotbutton-Taktik: Ein besonders einfaches Rätsel wird gestellt, dem Zuschauer wird jedoch suggeriert, niemand komme auf die Lösung, weil kein Zuschauer durchgestellt wird. Es ist nach den Richtlinien der Landesmedienanstalten verboten diesen Eindruck zu erwecken, weshalb man vorsichtig formuliert. Statt "Warum ruft denn niemand an" wird z.B. scheinheilig gebettelt: "Leute, ihr könnte mich doch nicht hängen lassen. Die Lösung ist doch so einfach!". Um die lange Wartezeit zu überbrücken, in der faktisch nichts passiert, also kein Anrufer durchgestellt wird, hat man den "Hotbutton" erfunden. Dieser schlägt in jeder Sendung angeblich ungewöhnlich "oft zu". Stets wird dem Zuschauer suggeriert, er müsse gerade jetzt in der Leitung sein, damit der Zufallsmechanismus ihn "finden kann". Dazu wird tief in die Trickkiste des Abzock-TVs gegriffen: Trommelwirbel soll den Eindruck vermitteln gleich passiere etwas, ständig wird das Licht verändert, werden Geräusche eingespielt und Countdowns runtergezählt, während die meist hübsche Moderatorin oder der Moderator Marke "schleimiger Schwiegersohn" scheinbar vor Ektase fast zusammenbrechen. Am Ende dieser Countdowns passiert in fast allen Fällen gar nichts.

Eine andere Taktik ist die, sehr viele Zuschauer in kurzer Zeit durchzustellen, das Rätsel aber entweder so absurd oder so intransparent zu gestalten, dass niemand die richtige Lösung nennt. Dabei ist es wichtig, dass die Lösung scheinbar einfach zu finden ist, damit auch möglichst viele Zuschauer anrufen. Zu Anfang bediente man sich dabei bei 9Live noch Rätseln, deren Lösung absolut nicht nachvollziehbar waren, wie beispielsweise mal das ARD-Magazin Plusminus analysierte. Diese Fälle intransparenter Rätsel, in denen keine klaren Regeln zu Lösung angegeben wurden und viele Lösungen sich mit den Lösungswegen anderer ähnlicher Rätsel widersprachen, waren nahe am Betrug und wurden inzwischen von den Sendern aufgegeben. Stattdessen wird das Spiel "Wort vor X" vermehrt gespielt. Das Konzept: Die Zuschauer sollen bestimmte Begriffe erraten, die einem vorher festgelegten anderen Begriff als Bestandteil haben. So wird beispielsweise das Wort "Bau" vor die X-Begriffe gestellt. Sehr schnell rufen Zuschauer an und lösen die ersten beiden, sehr leichten, Begriffe für wenig Geld. Die Summe des Geldes, das gewonnen werden kann, steigt nun kontinuierlich über das gesamte Spiel, das meist mehrere Stunden gespielt wird, an. Durch die beiden bereits gelösten Begriffe, die meist auch noch ständig als Laufbalken "Bereits gelöst:" durchs Bild flimmern, wird dem vorbeizappenden Zuschauer suggeriert, die anderen Begriffe seien ebensoleicht zu lösen. Oft wird dies durch gebetsmühlenartige Beteuerungen der Moderatoren noch unterstrichen: "Ich kann es nicht fassen, dass so leichte Begriffe noch nicht gelöst wurden. Boxring und Boxhandschuhe wurden schon gelöst - die anderen Begriffe sind genauso leicht, glaubt es mir!".

Die anderen Begriffe allerdings werden nie gelöst - und das ist auch kein Wunder. Schließlich steht kaum einer von ihnen im Duden, viele würden nicht mal mit Google gefunden werden. Geraten werden sollen so absurde Begriffe wie Bauernregelbuch, Baucontainerabstellplatz, Bauklotzform, Baustellenhinweisschild und Baufluchtlinie. In einem anderen Spiel sollten beispielsweise so Begriffe wie Überraschungseifigur, Überlebenszelle (?), Über-Mikros-Kopie* (sic!), Überplanbestand (?), Überlandzentrale (?) und Übergangsbusbahnhof erraten werden. Auch nicht schlecht ist z.B. u.a. das "Amazonien-Haus". Geradezu realsatirschen Charakter hat dieser Ausschnitt, in dem "Jürgen" natürlich "völlig wahllos" schon mal zwei Begriffe aufdeckt, damit die Zuschauer sehen, wie einfach diese sind. Gerne werden auch Singular-Begriffe benutzt, wenn der Plural üblich ist oder umgekehrt. So sollten Zuschauer z.B. den Satz "Jürgen hat heute XXX gekauft" ergänzen. Die richtige Antwort: Schokokuss. Er hat also "Schokokuss gekauft", nicht Schokoküsse, was genannt wurde.

Übrigens: Wenn ihr euch fragt, warum oft das Wort "sicher" in den Sendungen eingeblendet wird: Zwischen "sicheren" 500 EUR Gewinn und einem Gewinn, der nicht mit diesem Zusatz versehen ist, besteht ein entscheidender Unterschied: Den "sicheren" Gewinn erhält man, wenn man eine richtige Lösung nennt, den nicht sicheren nicht. Wenn eine absurd hohe Gewinnsumme in der Sendung eingeblendet wird, die nicht mit dem Attribut "sicher" gekennzeichnet wird, bedeutet dies, dass man den Gewinn nur dann erhält wenn man nicht nur die richtigen Lösung nennt, sondern auch noch ein unschaffbares Zufallsspiel gewinnt, das sich daran anschließt.

Wer sind die Opfer dieser Sendungen? Die selben, die sich auch bei den Astro-TV-Sendungen das Blaue vom Himmel herunterlügen lassen: Vor allem arbeitslose Hartz-IV-Empfänger und Rentner, die am Rande des Existenzminimus leben. Nicht wenige haben sich durch die Shows schon hoffnungslos verschuldet. Oft fehlt den Anrufern auch ein soziales Umfeld, die Sendungen werden von Morgens bis Abends gesehen, die stets freundlichen Moderatoren fungieren als Familien- und Freundes-Ersatz. Einen guten Eindruck von der Klientel gibt z.B. diese tragikomische Aufzeichung.

Alle Beispiele stammen aus dem "9Live-Abzocke"-Thread des FUCKUP Wikis.

Trackback URL:
http://fuckup.twoday.net/stories/2635907/modTrackback

herrtobe - 8. Sep, 00:17

So ein Scheiß, dass es da keine Handhabe gibt. Sollte ja eigentlich nen Grund haben, dass zu großen Teilen Glücksspiel bei uns in staatlicher Hand ist, oder?

Das ist übrigens mein Liebling: Kartentricks bei RTL
Ich hoffe, der ist nicht irgendwo bei dir im Text, links kann ich um die Zeit eher schlecht lesen...

Hackmeck - 8. Sep, 07:54

Nein, ist nicht unter den Links - vielen Dank! ;)
G.K. (Gast) - 5. Feb, 05:42

Nicht mehr da...

"This video has been removed due to terms of use violation" - sagt man bei YouTube nach anklicken des Links. Wer dies wohl veranlasst hat??
Steffi (Gast) - 8. Sep, 14:01

Ich habe mir den "Bau???"-Clip angeguckt und fühle mich ganz leer und zermanscht von dem hysterischen Gebrüll der Moderatoren.
Den Ausschnitt, in dem die Frau erklärt, dass sie täglich seit einem halben Jahr "bestimmt 100mal" angerufen hat und nie durchgekommen ist, habe ich nur kurz angespielt, das war mir dann doch zu schlimm.
Mein Gott, wie verzweifelt und leer muss ein Leben sein, dass man sich gezwungen sieht solche Sendungen als "Unterhaltung" (?) oder Hoffnungsschimmer (?) anzunehmen?
Und wie mies fühlt sich wohl so ein Moderator wenn er Feierabend hat?

Danke für deine differenzierte Sichtweise.
All zu leicht bin ich versucht gewesen nur die Anrufer zu verurteilen. Denn natürlich: Wenn niemand anrufen würde, gäbe es solche Sendungen nicht.
Aber über die Ursachen der Verzweiflung, die hinter solchen Anrufen steckt habe ich mir eher weniger Gedanken gemacht.

Ich überlege gerade: Im Grunde absurd, dass ich die Schuld bei den Anrufern allein gesucht habe. Wären es nur Einzelfälle, nun gut, gibt ja immer ein paar Spinner. Aber jetzt wo ich darüber nachdenke, fallen mir allein vier Kalkofe-Clips ein, in denen es um offensichtlich vereinsamte Anrufer solcher Sendungen geht.

Es ist unfassbar, dass solche volksverdummenden Sendungen sich an Armen und Verzweifelten bereichern dürfen. Und dem dusseligen Medienaufseher aus Bayer fällt nüscht ein außer: "Na die brauchens ja nicht zu gucken, die Leut."
Aber stimmt ja: Eigenverantwortung über alles!
Woher aber der Eigenverantworliche Hoffnung und Perspektiven nehmen soll, in einem Land in dem Hoffnung und Perspektiven unwirtschatlich sind, sagt der gute Herr nicht.

Hussein (Gast) - 15. Feb, 03:22

Frage zu Artikeln

Hi,

mein Name ist Hussein Sheikh und zwar wollt ich fragen ob ich einen oder mehrere Artikel von ihnen auf meiner Radio Seite veröffentlichen? Mir gefällt das was Sie schreiben sehr. Deshalb diese Anfrage.

Meine eMail Adresse ist mr.hussein@xemail.de





Mit freundlichen Grüßen
Hussein Sheikh

Hackmeck - 15. Feb, 16:31

Hallo Hussein!

Gerne! Bedingung: Die Quelle und die Lizenz müssen genannt werden. Alle meine Beiträge stehen unter dieser Creative-Commons-Lizenz:

http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/
Hussein Shahade (Gast) - 22. Feb, 15:19

Artikel

Danke für ihre Antwort.

Ich habe ihnen eine Emial geschrieben, die landen aber leider manchmal im Spam Ordner. Aufjedenfall ist meine email, falls Sie nicht diese finden sollten, im Spam Ordner.

Gruß

Hussein Sheikh Shahade

Metzlor (Gast) - 19. Apr, 02:13

Ich will wohl gerne wissen, was passieren würde, wenn dort ein Kind unter 14 (nicht geschäftstüchtig) anruft und dann am Ende z. B. 1000 € auf der Telefonrechnung von den Eltern stehen? Dürften diese die von den Sendern wieder eintreiben?

PappSaTT (Gast) - 27. Mrz, 18:58

Ich vermute mal das der Sender kein Interesse daran hat die Telefonrechnung der 14jährigen Tochter einzutreiben.

Die Telefongebühren gehen ja nicht vollständig an den Sender sondern , ganz logisch an den Telefonanbieter und dem ist es egal ob die Tochter nu mitmachen durte oder nicht.

Just my 2 Cents

Euer PappS

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