Montag, 12. Februar 2007

Zur Vereinbarkeit von Islam und Demokratie

Multikulti-Apologeten und islamophobe Scharfmacher haben meistens eines gemeinsam: Eine bemerkenswerte Unkenntnis über die Grundlagen und die Geschichte des Islams. Die Frage, ob Islam und Demokratie zu vereinbaren sind, ist schwieriger zu beantworten als es beide Seiten darstellen. Daher hier ein sehr kurzer Abriss des Themas.

Festzuhalten bleibt eingangs, dass der Islam bei einer wortgetreuen Auslegung des Korans tatsächlich unvereinbar mit modernen (westlichen) Staatskonzepten wie der Trennung von Staat und Religion, Gleichberechtigung aller Religionen und einer säkularen unabhängigen Justiz ist.

Die Position des Korans

Der Koran akzeptiert zwar die Ausübung der Buchreligionen Judentum und Christentum. Diese genießen jedoch keineswegs eine religiösen Akzeptanz im modernen Sinne. Sie werden lediglich toleriert, so lange Juden und Christen an den muslimischen Herrscher eine Kopfsteuer (jizya) entrichten. Christen und Juden können so nach strenger Auslegung kein Teil des muslimischen Staatsvolks werden, genießen allerdings den Schutz des islamischen Staates und sind vom Wehrdienst befreit. Der dschihad verlangt von allen Muslimen den ständigen Kampf im Sinne einer Ausbreitung des Islams. Das erklärte Ziel des Islams ist laut Koran nicht weniger als die Islamisierung der Welt. Probates Mittel für diesen Kampf war von Anfang auch Gewalt, insbesondere gegen "Heiden", also allen Angehörigen nichtabrahamitischer Religionen. Die Welt ist laut dem Koran in ein "Haus des Islams" und ein "Haus des Krieges" unterteilt.

Interpretationen des Islams

Wie alle Religionen unterliegt aber natürlich auch der Islam einem ständigen Wandel in der Auslegung. Auch die Bibel und der Talmud wären bei wortgetreuer Auslegung kaum mit dem modernen westlichen Staats- und Toleranzverständnis kompatibel. Eine mit Europa vergleichbare geistige Bewegung der Aufklärung mit der damit verbundenen Säkularisierung und Rationalisierung hat es im arabischen Raum und anderen vom Islam bestimmten Teilen der Welt allerdings nicht gegeben.

Setzt man sich mit der tatsächlichen Auslegung des Islams abseits der Interpretation islamischer heiliger Schriften (Hadith und Koran) auseinander, sieht man sich mit einem grundsätzlichen Problem konfrontiert: Anders als beispielsweise der Katholizismus kennt der Islam keine zentrale Autorität. Nicht nur, dass der Islam grundsätzlich in Sunniten und Schiiten gespalten ist, auch innerhalb dieser sehr heterogenen Gemeinschaften existiert keine zentrale Autorität und eine sehr große Spannbreite an Interpretationen des Islams.

Bereits in der frühsten islamischen Geschichte wurde auch der Koran in seiner Auslegung, schon aus rein pragmatischen Gründen, abgeändert. So wurde die Toleranz gegenüber fremden Religionen in von den muslimischen Mogulen beherrschten Teilen Indiens schon bald auch auf Hindus ausgeweitet, obwohl dessen Polytheismus gegen die grundsätzlichen Prinzipien des Islams verstößt. Auch gab es immer islamische Denker und Ideologien, die eine pragmatische Auslegung des Islams propagierten, welche durchaus mit einem modernen Staatsverständnis in Einklang zu bringen ist. Gerade während der islamischen Reformbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert gab es immer wieder Interpretationen, die den Grund für die politisch-religiöse Einheit des Islams in seinen Anfängen in den Umständen der Zeit sahen und kein inhärent religiöses Prinzip darin erkannten. Hervorzuheben sind hier beispielsweise die Auslegungen von Sir Saiysid Ahmad Khan (1817 – 1898) und 'Ali 'Abd ar-Raziq (1888 – 1966). Erstgenannter stand unter dem Eindruck eines einst rückständigen Westens, der den Orient in militärischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht lange hinter sich gelassen hatte. 'Abd ar-Raziq versuchte mit seiner Deutung des Islams in den 1920er Jahren moderne islamische Nationalstaaten ermöglichen. Beide fanden mit ihren Theorien jedoch keine breite Akzeptanz in der islamischen Welt, weder in der Bevölkerung noch in der geistigen Elite des Islams.

Trennung von Staat und Religion

Während das Christentum in Opposition zum Staat entstand und sich somit gezwungenermaßen mit einer Trennung von Staat und Religionen abfinden musste (Jesus: "Erstattet dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört." (Mk 12, 13-17)) bildeten im Islam Politik und Religionen von Beginn an eine Einheit. Der Islam ist seinem Charakter nach keine Religion rein individueller Glaubensauffassung, sondern eine Gesetzreligion, dessen göttliches Recht (schari'a) sich auf die Gemeinschaft bezieht. Er ist somit schon seinem Wesen nach eine politische Religion.

Bereits seit längerem gibt es jedoch auch innerhalb der islamischen Welt Befürworter eines "säkularisierten" Islams, auch wenn sie selbst – im Gegensatz zu ihren Gegnern – ihre Theorie fast nie als "säkular" bezeichnen. Sie greifen dabei den Islam nicht als Religion, wohl aber als übergreifendes Regulativ der gesamten Gesellschaft an.

Selbst Staaten, die in der Praxis einen säkularen Islam durchgesetzt haben, wie beispielsweise Ägypten, wo die letzten Scharia-Gerichte 1956 aufgelöst wurden, wird die regulative Funktion des Islams nicht offen infragegestellt. Ganz im Gegenteil lässt sich teilweise sogar eine Reislamisierung der Politik ab den 1970er Jahren konstatieren. So nannte die ägyptische Verfassung das islamische Recht bis in die 1980er Jahre nur "eine Hauptquelle des Rechts" in der Verfassung, inzwischen wird die Scharia als "die Hauptquelle des Rechts" bezeichnet.

Wurde eine Säkularisierung grundsätzlich im 19. und lange auch im 20. Jahrhundert in der islamischen Welt implizit als Notwendigkeit für eine Modernisierung der Gesellschaft akzeptiert, wird sie ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert zunehmend zum Gegenstand öffentlicher oft leidenschaftlich geführter Debatten. Der Islam übernahm zwischenzeitlich nicht nur eine religiöse und politische, sondern immer mehr auch eine identitätsstiftende Funktion gegenüber einer als übermächtig empfundenen westlichen Kultur. Die Rückbesinnung auf den Islam – auch als ein Normgeber für das öffentliche Leben – wird somit von vielen auch als Abgrenzung gegenüber dem Westen empfunden, der nicht selten als dekadent und arrogant wahrgenommen wird.

Die ebenso radikale wie autoritäre "Säkularisierung von oben", wie sie in der Türkei durch Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk (1881 - 1938) versucht wurde, kann als gescheitert betrachtet werden. Zwar ist die Türkei heute nach wie vor offiziell ein laizistischer Staat. Doch trotz regelmäßigem Eingreifen des Militärs und vieler Verbote fundamentalistisch-islamischer Gruppen und Parteien, konnte den Wiedereinzug des Islams in Politik und Staat nicht verhindert werden. Gläubige anderer Religionen werden gegenüber sunnitischen Muslimen benachteiligt, islamistische Gruppen konnten viele Schlüsselpositionen in Staat und Gesellschaft besetzen und die derzeitige Regierungspartei sieht sich klar dem Islam als politisches Ordnungsprinzip verpflichtet.

Die Gegner von Säkularisierungstendenzen betonen die Unterschiede zwischen der christlichen Religion während der europäischen Säkularisierung im 18. und 19. Jahrhundert und dem Islam heute: Während die Dominanz, insbesondere der katholischen Kirche, sich wissenschaftlichem und sozialem Fortschritt in den Weg gestellt habe, sei der Islam technischem und sozialem Fortschritt gegenüber aufgeschlossen. Eine Säkularisierung wie es sie in Europa gegeben habe, sei daher schlicht nicht nötig.

Demokratie und Islam

Der Islam stellt Individuum und Staat unter göttliches Recht. Der Herrscher ist damit ebenso wie jedes Individuum der Scharia unterstellt. Ein historisches kaum bedeutende Widerstandspflicht, die sich damit für den muslimischer Untertan ergibt, falls sein Herrscher die Gesetze der Scharia verletzt, wird heute von nicht wenigen Muslimen als Indiz für ein ursprünglich demokratisches Element des Islams interpretiert, auch wenn die traditionelle muslimische Herrschaft klar die Autokratie ist. Muslimische Geistliche argumentieren oft, die Demokratie fördere das Gemeinwohl und dies sei klar mit dem Geiste des Islams.

Das Konzept der Demokratie scheint damit weniger kontrovers für die islamischen Welt zu sein und tatsächlich sehen auch viele Menschen in der arabischen Welt eine funktionierende Demokratie als das Ideal einer Staatsform. Abseits der funktionalistischen Betrachtung der Demokratie als Förderin des Gemeinwohls, besteht aber in letzter Konsequenz auch ein Spannungsfeld zwischen Islam und Demokratie: Die Demokratie entsprang dem Geist des Humanismus, der den Menschen und seine Bedürfnisse die höchste Präferenz zusprach und damit ihn zum alleinigen Souverän und Gesetzgeber des Staates erhob. Der Islam kennt nur einen legitimen Gesetzgeber: Gott. Sobald die Volksouveränität also so weit geht, dass die Gesetze der Scharia verändert oder gebrochen werden sollen, würden die Prinzipien des Islams und die der Demokratie zwangsläufig kollidieren.

Der Einfluss des Westens

Spätestens als den Führern der arabischen Welt der Inhalt des Sykes-Picot-Abkommens bekannt wurde, begann eine oft verhängnisvolle Geschichte voller Spannungen zwischen dem christlichen und zunehmend säkularem Okzident und muslimischen Orient. Es bleibt kein Platz diese wechsevolle Geschichte in all ihren Facetten zu schildern. Festzuhalten ist allerdings, dass der "Westen" selbst oft wenig zur Popularität westlicher Werte in der islamischen Welt, insbesondere in der arabischen, beitrug. Geradezu als Ironie der Geschichte mag es zum Beispiel erscheinen, dass der Westen, insbesondere die USA, während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ganz entscheidend und gezielt dazu beigetragen hat, die islamische Religion zu radikalisieren. Aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar sah man in Zeiten des Kalten Kriegs seit der Truman-Doktrin die größte Gefahr nicht in einem radikalisierten Islam, sondern in einer Ausbreitung sozialistischer Gesellschaftsmodelle und bekämpfte daher, direkt oder häufiger indirekt, sozialistisch-säkulare Bewegungen.

Fazit

Die Frage, ob der Islam seinem Wesen nach einer modernen Demokratie im westlichen Sinne im Wege steht, ist schwer zu beantworten. Der Islam ist in diesem Sinne sicher problematischer als andere Weltreligionen, weil nach islamischer Auffassung der Koran Gottes Wort und Gottes Wort Gesetz ist – und zwar für alle Mitglieder der Gesellschaft, ob gläubige Muslime oder nicht. Trotzdem gab und gibt es islamische Interpretationen von Koran und Hadith, die eine Kompatibilität mit westlichen Konzepten wie Säkularismus, Demokratie und Menschenrechten konstatieren.

Ein Aufzwingen westlicher Werte ist meines Erachtens zum Scheitern verurteilt. Jeglicher Versuch, den Einfluss der als universal angesehenen westlichen Werte mit Gewalt auszudehnen, wird die islamische Welt mit weiterer Abgrenzung und Auflehnung gegenüber dem Westen beantworten.

Es bleibt abzuwarten, ob es den "islamischen" Weg zu Demokratie und Menschenrechten geben wird und wie er aussieht. Unwahrscheinlich ist meiner Meinung nach, dass am Ende Gesellschaften entstehen werden, die in ihrem Wertekanon und ihrem Aufbau exakt den westlichen Demokratien entsprechen. Die oft verhängnisvolle Einmischung des Westens setzt sich leider bis heute fort. Die aufblühende oppositionelle Bewegung im Iran beispielsweise wird gerade durch US-amerikanische Drohungen von Außen konterkariert.

Empfehlenswerte weiterführende Litertatur

Bundeszentrale für politische Bildung: Der Islam in der Gegenwart

Gesetze für eine andere Welt

Ob Heroinabgabe an Schwerstabhängige oder Ehescheidungen: Die Union orientiert sich bei ihren Positionen zu Gesetzesvorhaben offenbar überwiegend an ihrer Wunschrealität und weniger an den tatsächlichen Verhältnissen. Spreeblick kommt daher zu einem bemerkenswerten Fazit:

Von Rudi Dutschke habe ich mal gelesen, er hätte einen christlich sozialen Hintergrund gehabt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass damit nicht gemeint war, dass er CSU-Mitglied war.

Die CDU-Wähler rekrutieren sich ausschließlich aus bornierten Dorfbewohnern, subventionsgierigen Bauern, BMW-Fahrern - und meiner Mutter.

FUCKUP Weblog

Zeitgeist-Blog und Meta-Medium

FUCKUP (First Universal Cybernetic-Kinetic Ultra-Micro Programmer) ist der fiktive Computer von Captain Hagbard Celine. FUCKUP, der sich auf dem goldenen U-Boot Leif Erikson befindet, ermittelt ständig, mittels eines virtuellen I Ging, die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch des 3. Weltkriegs. (Wikipedia)

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