Es gibt Artikel in meinem Blog, bei denen ich mir vorher im klaren darüber bin, dass ich mir einige Feinde damit machen werde. Ich schreibe solche Artikel mit Bauchschmerzen aber ich schreibe sie, weil ich es nicht lassen kann. Dieser ist so einer.
Anlass ist Eva Hermans
Abrechnung mit dem Feminismus in der
heutige Ausgabe des Cicero. Die ersten empörten Reaktionen
ließen erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Ich habe den Artikel nicht gelesen, nur die Auszüge von Spiegel Online und einiges, was sich Eva Herman da zusammenschreibt klingt für mich ziemlich absurd. So z.B., dass für heutige Frauen Fortpflanzung "eine Option und keine Selbstverständlichkeit" mehr sei (das will ich doch hoffen?). Aber ich mache mir zu diesem Thema als jemand, der quasi im "feministischen Zeitalter" aufgewachsen ist, schon seit einiger Zeit Gedanken.
Vorweg: Die politische Emanzipation der Frau war gut und notwendig. Dass sich Frauen ihre Gleichberechtigung Stück für Stück im Laufe des 20 Jahrhunderts in allen westlichen Staaten erkämpft haben, war gut. Aber Gleich
berechtigung bedeutet keine Verpflichtung zur Gleichheit.
Jeder Mensch ist ein Indviduum und ich lehne es für gewöhnlich ab, Menschen nach Gruppenzugehörigkeit gewisse Eigenschaften pauschal zuzuschreiben. Aber der durschnittliche Mann unterscheidet sich von der durschnittlichen Frau und diese Gender-Identitäten sind auch keine reinen gesellschaftlichen Konstrukte. Die Hirnforschung beispielsweise bestätigte in den 1990er Jahren wesentliche Unterschiede in der Hirnphysiognomie zwischen Frauen und Männern, die sich in einer unterschiedlichen Art zu denken ausdrücken und in unterschiedlich ausgeprägten duschnittlichen Fähigkeiten in verschiedenen Denkdiziplinen. Die von gesellschaftlichen Einflussen unabhängigen Geschlechtsunterschiede wurden in den im Feminismus der 1970er Jahre vielfach noch geleugnet. Ich bin froh, dass sie mit Büchern wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" (ich selbst kann übrigens schlecht einparken und gut zuhören ;)) und Sendungen wie "Typisch Mann - typisch Frau" wieder enttabuisiert und auf breiter gesellschaftlicher Basis akzeptiert wurden. Natürlich bedeutet das nicht, dass sich jede Frau weiblich und jeder Mann männlich verhalten soll. Ich möchte keiner Frau und keinem Mann das Recht absprechen, aus dem Rollenmuster zu fallen. Aber umgekehrt muss es meiner Meinung auch erlaubt sein, das Rollenmuster zu erfüllen. Ja, es gibt viele Frauen und viele Männer, die eine klassische Rollenaufteilung bevorzugen. Niemanden soll es verwehrt werden, sein Privatleben anders zu gestalten - aber die Häme mit der "Feministinnen der alten Schule" über Geschlechtsgenossinnen herfallen, die keine Karriere anstreben, finde ich furchtbar:
Die schwülstigen Phantasien über ein glückliches und harmonisches Familienleben, das nur dann glücklich und harmonisch sein kann, wenn Männer und Frauen wieder in ihre angestammten Rollen schlüpfen, sind wirklich das Reaktionärste und Dämlichste, was ich in der ganzen Diskussion über den Kindermangel in Deutschland bisher gelesen habe.
Die Schriftstellerin Amelie Fried über Eva Hermans Artikel
Reaktionär können für mich nur politische Vorstellungen sein. Wenn jemand fordert die Gleichberechtigung aus dem Grundgesetz zu streichen, ist das für mich reaktionär. Wenn aber eine Frau glaubt, ohne Karriere in ihrem Leben auszukommen, ist das für mich weder "schwülstig" noch "reaktionär", sondern ihr Recht selbstbestimmt zu entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten will. Daraus sollte sich dann aber natürlich kein allgemeingesellschaftlicher missionarischer Anspruch ableiten (der bei Eva Hermans wohl leider zu erkennen ist).
Es gibt inzwischen einen Anspruch breiter gesellschaftlicher Teile, denen viele Frauen nicht gerecht werden können und wollen. Dieser Anspruch der Generation '68 und ihrer ideologischen Nachfahren, schätzt die klassichen weiblichen Aufgaben gering. Eine Frau, die sich entscheidet zu Hause zu bleiben und Kinder großzuziehen, wurde vielleicht nie zuvor in Deutschland so geringschätzig betrachtet wie heute. Das ist möglicherweise die absurdeste Folge des Feminismus.
Schon
Herbert Marcuse und die anderen Theoretiker der
Frankfurter Schule beschäftigten sich viel mit dem Thema der "wahren" und "falschen" Bedürfnisse. Wenn eine Frau auf Karriere verzichten will und sich in die klassische Mutterrolle begibt, so kann sie in den Augen des feministischen Mainstreams breiter Teile der gesellschaftlichen Elite nur entweder unterdrückt oder verblendet sein. Entweder sie traut sich also nicht ihre "wahren Bedürfnisse" zu artikulieren bzw. umzusetzen oder sie ist sich derer nicht bewusst, wenn sie die Dreistigkeit besitzt auch noch zu behaupten, sie wolle es nicht anders. Als aufgeklärter Femenist ist man (frau) sich den wahren Bedürfnissen auch anderer Frauen natürlich stets bewusster als die betreffende Frau selbst. Genau hier wird es hochideologisch. Für mich gibt es keine wahren und falschen Bedürfnisse, zumindest hat niemand meiner Meinung nach über seine eigene Person hinaus das Recht zu bestimmen, was das ist.
Eine politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung bedeutet für mich, wie gesagt, gleiche Rechte zu besitzen und nicht die Pflicht, Rechte zu nutzen. In dieser gesellschaftlich formal freisten Gesellschaft, die wir in Deutschland je erlebten, sollte jeder und jede das Recht haben so leben und sich so zu verhalten, wie er/sie es für richtig hält und sei diese Vorstellung vom "guten Leben" auch noch so klischeehaft. Der wahre Fortschritt ist meiner Meinung nach nicht, dass wir auf einmal alle in furchtbar gleichberechtigten Beziehungen leben, in denen auch Männer am Herd stehen. Der wahre Forschritt ist der, das jeder und jede so leben darf, wie man es selbst für richtig hält. Und zwar bitteschön ohne, dass man dafür schief angesehen wird, weil irgendjemand ideologische Vorstellungen davon hat, wie
alle Männer und Frauen miteinander umgehen sollten.
Update vom 4. September 2006:
Auch Sie, lieber Leser, sind wahrscheinlich per Google auf diesen Blog-Eintrag gestoßen, als Sie
nach "Eva Herman" gesucht haben. Der Grund ist Eva Hermans Buch "
Das Eva-Prinzip" und die Berichterstattung dazu überall in den Medien, schon vor der Veröffentlichung, z.B. bei Spiegel Online. Offenbar ist der Feminismus und die Emanzipation der Frau ein Thema mit großem Diskussionsbedarf in der deustchen Bevölkerung.
Mein Text hier wurde am 28. April 2006 in Unkenntnis des Buches von Frau Herman geschrieben. Auslöser war, wie ich schrieb, ein Essay Hermanns, der wohl eine sehr ähnliche Stoßrichtung besaß und im Cicero veröffentlicht wurde. Ich habe weder diesen Artikel gelesen noch ihr Buch, das ja bisher nicht mal erschienen ist. Meine hier niedergeschriebenen Gedanken fasste ich losgelöst davon zum Thema, Eva Herman war nur der Anstoß. Ganz ähnlich scheint es auch vielen anderen zu gehen - das Thema und der Zeitpunkt der Veröffentlichung wurde von ihr jedenfalls sehr geschickt gewählt - oder es war Zufall. Was ich bisher um und über das Buch gehört habe, war alles recht platt. Eva Herman macht wohl den entscheidenden Fehler der Pauschalisierung. "
Die Frau sollte öfter mal den Mund halten", "
Die Frau sollte Kinder kriegen und die Karriere vergessen" usw. Ihre These, Kinder berufstätiger Mütter hätten häufiger schulische Probleme als andere, ist übrigens
wissenschaftlich widerlegt worden.
Damit ist ihre Ansatz gegen den Feminismus alter Tage ein meiner Meinung nach reaktionäres Konzept: Es wird offenbar pauschalisiert, wo es nur geht und ihre individuelle Vorstellung von einem glücklichen und erfüllten Leben, versucht sie jeder anderen Frau aufzudrängen. Ich bin gegen den gesellschaftlichen Anspruch, Frauen müssten emanzipiert sein. Aber ich bin genauso gegen jeden anderen gesellschaftlichen Anspruch. Eine Gesellschaft wie die BRD der 1950er Jahre, in denen arbeitende Frauen schief angesehen wurden, möchte ich noch viel weniger zurück. Wann werden wir endlich ein post-reaktionäres und post-feministisches Zeitalter erreichen, in der weder Eva Herman arbeitende Mütter angreift, noch Alice Schwarzer Verona Feldbusch/Poth für ihr "tussiges" Verhalten verurteilt? Die größte Errungenschaft des Feminismus war wohl die Tatsache, dass Frauen stark sein dürfen. Die Errungenschaft einer post-feministischen Zeit wäre wohl die Anerkenntnis, dass Frauen nicht unbedingt stark sein wollen.
Erfüllt Rollenklischees, arbeitet, seid emanzizpiert oder nicht - warum ist es so schwer, Individuen ihre Freiheit zu lassen? Warum muss es offenbar immer ein gesellschaftliches Ideal geben?
Dass mein Blog hier eine Plattform für eine so lebhafte Diskussion zum Thema mit schon 40 teils sehr langen Kommentaren wurde, freut mich. Ich werde die Diskussion hier weiter verfolgen.