Früher kam alle Jahre wieder das Christkind, heute kommen pünktlich zur Weihnachtszeit Wham! und ihr
"Last Christmas" von 1984. Damals war die Single gar kein besonders großer Hit. Doch warum? Und warum wurde die Single zum größten muskalischen Wiedergänger der Popgeschichte? Ganz einfach: Sie war ihrer Zeit voraus, weil sie in ihrer unkomplizierten Art beispielhaft am Topos des Weihnachtsfests implizit einen pragmatischen Mittelweg zwischen linker Anti-Haltung und rechter Reaktion aufzeigte,
mutmaßt zumindest die Welt am Sonntag. Sie, so die Wams, sei qausi der Tony Blair bzw. Gerhard Schröder der Popmusik:
Das wirklich Besondere an dem Lied ist, daß Wham als erste Popband die Existenz von Weihnachten einfach hinnahmen: Sie überhöhten es nicht, indem sie versuchten, den Geist des guten, alten Fests der Prä-Rock-'n'-Roll-Ära wieder zu beleben - aber sie bekämpften es auch nicht. Damit waren Wham weder dem damals herrschenden restaurativen Konservatismus im Stil Ronald Reagans noch der Alternativszene zuzurechnen, welche die Jugendkultur bestimmte und an keinem "Anti-" vorbeikam.
Wham nahmen in "Last Christmas" jenen pragmatischen, kurzzeitig als dritten Weg bezeichneten Kurs vorweg, mit dem in den 90ern Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder Erfolg haben sollten. Unterschwellig geht es um nichts anderes als darum, ein traditionelles Fest nur seiner schönen Oberfläche wegen zu feiern; in klassischer Manier, aber nicht im klassischen Geist - das ist heute hochmodern.
Quelle:
Welt am Sonntag
Da stellt man sich doch als junger Mensch, für den dieses Lied seit 1996 einfach zu Weihnachten dazugehört, die bange Frage, ob die Ära dieses Liedes mit dem Ende der Clinton/Blair/Schröder-Ära, dem Scheitern des Dritten Weges, der Entstehung einer fundamentalistischen Rechten in den USA und einer neuen Linken in Deutschland sowie dem Rückfall in den alten Klassenkampf, nun auch zu Ende ist.