Aufstand der Armen?
"Aufstand der Armen" titelte die Bild heute zu den anhaltenden Aufständen in den Pariser Vororten und anderen französischen Städten, durch die alleine letzte Nacht 900 Autos ausgebrannt sind. In keiner westlichen Gesellschaft beschreibt das in Deutschland populär gewordene Wort Parallelgesellschaft so treffend die Lebenssituation der großen Zahl von Einwandererern, vor allem aus der ehemaligen französischen Kolonie Algerien. Alex Capus schreibt für die Welt heute z.B.:
Wenn in Paris die Banlieue brennt, merkt man in den schicken Vierteln der Innenstadt nichts davon. Der Kellner serviert Kaffee und Croissants in der Morgensonne, Papa begleitet die Kinder zur Schule, Mama ist unterwegs ins Büro. Die Rolläden der Boutiquen und Parfümerien gehen hoch, die Hausfrauen bummeln über den Gemüsemarkt. Kein Polizist weit und breit. [...] Kommt ein dunkelhäutiger Mann vorbei, ist es oft ein Straßenkehrer. [...] Den Jugendlichen in den Banlieues muß keiner erklären, daß sie in der Innenstadt nichts verloren haben. Das wissen sie seit Jahrzehnten. Wo immer sie hingehen, taucht die Polizei auf. Für Weiße ist die Staatsgewalt unsichtbar, für Farbige allgegenwärtig. Die Einwandererkinder sollen in den Banlieues zur Schule gehen und an ihre Zukunft denken. Viele tun das auch. Nur daß das nichts hilft. Denn ob sie nun mit fünfzehn die Schule abbrechen oder die Matura mit Bestnoten ablegen - arbeitslos werden sie sowieso. Und wenn doch mal einer Karriere macht als Grafiker oder Steuerbeamter, so bleibt er doch Franzose zweiter Klasse. Der Türsteher wird ihn nicht durchlassen, wenn er am Freitag abend in Saint Germain in die Disco will.
Gewalt ist dort nichts Neues. Bereits vor den jetzt öffentlichwirksam gewordenen Unruhen sind in Frankreich seit Beginn des Jahres rund 9000 Polizeiwagen mit Steinen beworfen worden und jede Nacht wurden 20 bis 40 Autos angezündet. Schon 1995 wurde diese von der Gesellschaft fallengelassene Generation und ihren Hass auf den Staat in "La Haine" (deutscher Titel: "Hass") fabelhaft porträtiert. Es ist die vergessene Welt der Vorstädte, die die französische Politik schon vor 20, 30 Jahren aufgegeben hat, die sich durch die Gewalt nun vom verdrängten Unterbewusstsein der satuierten französischen Gesellschaft ins helle Licht der Medienöffentlichkeit drängt - wenn auch nur bis dahin, denn außerhalb der Medien bemerkt das bürgerliche Paris beispielsweise nichts von den Unruhen. Der Staat hat aus diesen Vororten zurückgezogen, sie sich selbst überlassen. An den letzten Repräsentanten des Staates, die sich zwangsweise in diese Vororte begeben, der Polizei aber auch an Sanitätern und Feuerwehrleuten, entlädt sich die Wut.
Dass die Politik diese Vororte gerne weiterhin verdrängen würde, anstatt das Problem eines völlig perspektivlosen und ausgegrenzten Teils der Gesellschaft zu erkennen, bemerkt man offenkundig auch an deren Wortwahl. "Mit einem Hochdruckreiniger" wolle man die Vororte "von kriminellen Elementen reinigen", so Frankreichs konservativer Innenminister Sarkozy.
Wenn in Paris die Banlieue brennt, merkt man in den schicken Vierteln der Innenstadt nichts davon. Der Kellner serviert Kaffee und Croissants in der Morgensonne, Papa begleitet die Kinder zur Schule, Mama ist unterwegs ins Büro. Die Rolläden der Boutiquen und Parfümerien gehen hoch, die Hausfrauen bummeln über den Gemüsemarkt. Kein Polizist weit und breit. [...] Kommt ein dunkelhäutiger Mann vorbei, ist es oft ein Straßenkehrer. [...] Den Jugendlichen in den Banlieues muß keiner erklären, daß sie in der Innenstadt nichts verloren haben. Das wissen sie seit Jahrzehnten. Wo immer sie hingehen, taucht die Polizei auf. Für Weiße ist die Staatsgewalt unsichtbar, für Farbige allgegenwärtig. Die Einwandererkinder sollen in den Banlieues zur Schule gehen und an ihre Zukunft denken. Viele tun das auch. Nur daß das nichts hilft. Denn ob sie nun mit fünfzehn die Schule abbrechen oder die Matura mit Bestnoten ablegen - arbeitslos werden sie sowieso. Und wenn doch mal einer Karriere macht als Grafiker oder Steuerbeamter, so bleibt er doch Franzose zweiter Klasse. Der Türsteher wird ihn nicht durchlassen, wenn er am Freitag abend in Saint Germain in die Disco will.
Gewalt ist dort nichts Neues. Bereits vor den jetzt öffentlichwirksam gewordenen Unruhen sind in Frankreich seit Beginn des Jahres rund 9000 Polizeiwagen mit Steinen beworfen worden und jede Nacht wurden 20 bis 40 Autos angezündet. Schon 1995 wurde diese von der Gesellschaft fallengelassene Generation und ihren Hass auf den Staat in "La Haine" (deutscher Titel: "Hass") fabelhaft porträtiert. Es ist die vergessene Welt der Vorstädte, die die französische Politik schon vor 20, 30 Jahren aufgegeben hat, die sich durch die Gewalt nun vom verdrängten Unterbewusstsein der satuierten französischen Gesellschaft ins helle Licht der Medienöffentlichkeit drängt - wenn auch nur bis dahin, denn außerhalb der Medien bemerkt das bürgerliche Paris beispielsweise nichts von den Unruhen. Der Staat hat aus diesen Vororten zurückgezogen, sie sich selbst überlassen. An den letzten Repräsentanten des Staates, die sich zwangsweise in diese Vororte begeben, der Polizei aber auch an Sanitätern und Feuerwehrleuten, entlädt sich die Wut.
Dass die Politik diese Vororte gerne weiterhin verdrängen würde, anstatt das Problem eines völlig perspektivlosen und ausgegrenzten Teils der Gesellschaft zu erkennen, bemerkt man offenkundig auch an deren Wortwahl. "Mit einem Hochdruckreiniger" wolle man die Vororte "von kriminellen Elementen reinigen", so Frankreichs konservativer Innenminister Sarkozy.
Hackmeck - 5. Nov, 15:13
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