Samstag, 9. Juli 2005

Gleichberechtigt prüde

In Cincinnati (USA) ist es strafbar mit nacktem Oberkörper herumzulaufen. Dieses Gesetz beschränkt sich dort jedoch - ganz im Sinne der Gleichberechtigung - nicht nur auf Frauen:

[...]So hatte der 23-jährige Jerome Mason kaum an strafrechtliche Konsequenzen gedacht, als er sich mit nacktem Oberkörper präsentierte. Kurz darauf wurde er von der Polizei in Cincinnati wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen. Der Grund: Trotz seiner eher maskulinen Statur und Größe soll er Brüste besitzen, die offenbar geeignet sind, durch ihren Anblick Anstand, Sitte und Ordnung zu verletzen.

Das sah auch der Staatsanwalt so, der nach knapp dreimonatigen Ermittlungen Anklage erhob. Folgt der Richter seiner Argumentation, drohen Manson bis zu 30 Tage Haft.[...]


Quelle: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4510052_REF1,00.html

Das Spiel "GTA: San Andreas", in dem u.a. darum geht, unschuldige Menschen mit Waffen und Autos zu töten, steht derzeit bei der ESRB, einer US-Organisation für Alterseinstufungen bei Unterhaltungssoftware, auf dem Prüfstand. Nicht jedoch aus dem oben angesprochenen Grund, sondern weil es per Crack möglich ist, pornografische Inhalte innerhalb es Spiels freizuschalten:

http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/n/a/2005/07/08/state/n164946D01.DTL

Unschuldige Menschen virtuell töten okay, unschuldige Menschen virtuell produzieren pfui!

Nachtrag vom 11. Juli 2005:

SPON hat das Thema heute auch entdeckt:

http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,364727,00.html

Allerdings beweist das Magazin zum wiederholten Male seine fachliche Unbedarftheit:

Dazu kommt, dass "Nude Patches" oder "Sex-Mods" nicht erst mit "GTA" aufgetaucht sind - es gibt sie, seit die ersten findigen Gamer begonnen haben, am Quellcode ihrer Lieblingsspiele herumzuschrauben.

Sicher nicht am Quellcode ...

SORUA - einmal registrieren, überall kommentieren

Schöne Sache:

http://info.twoday.net/stories/826020/
http://www.sorua.net/

Noch besser fände ich allerdings die Möglichkeit als Ergänzung einfach jedem, auch unangemeldeten Usern, das Kommentieren zu ermöglichen - mit einem Captcha als SPAM-Schutz.

Interessantes zum Alter

lotr

Zwei interessante Ziatate zum menschlichen Altern aus der Zeit:

Hypothek für den Geist: der alternde Körper. Jüngste Studien haben einen weiteren Risikofaktor aufgezeigt, der die geistige Funktionstüchtigkeit im Alter zunehmend begrenzt. Der Körper stellt nicht nur weniger an geistigen Reserven zur Verfügung. Er braucht auch selbst ein Mehr an Geist. Dadurch bleiben weniger geistige Ressourcen für das Geistige im engeren Sinn übrig.

Diese Forschungsergebnisse helfen beim Verstehen von Alltagssituationen: Beobachtet man ältere Menschen, fällt auf, dass sie an Straßenkreuzungen oder bei Hindernissen im Weg die Unterhaltung unterbrechen, während Junge munter weiterreden, wenn sie eine Straßenkreuzung überqueren. Ähnliches sieht man, wenn ältere Menschen vom Tisch aufstehen, das Gleichgewicht in der Straßenbahn halten müssen, wenn sie sich beim Abendessen ihr Fleisch schneiden oder Kaffee einschenken. In diesen Fällen beansprucht der Körper zusätzliche geistige Reserven.


Quelle: http://www.zeit.de/2005/21/M-Altern?page=4

Hohes Alter: nicht vorgesehen in der biologischen Evolution. Ein Exkurs in die biokulturelle Theorie der Evolution und Ontogenese erklärt, warum sich die Optimierung des Vierten Alters als schwierig bis unmöglich darstellt. Die Gründe für die Resistenz des hohen Alters gegenüber einer gesellschaftlichen Optimierung liegen in der evolutionär bedingten fundamentalen »Unfertigkeit« der biologisch-genetischen Architektur des Menschen. Was die Evolutionsgenetik vor allem optimierte, war die Reproduktionsfähigkeit. Aus heutiger Sicht war dies die erste Lebenshälfte, der Altersbereich bis etwa 50 Jahre. Im hohen Alter wird die »ordnende Hand« der in der Evolution gewachsenen Genetik immer unsicherer und weniger stark.

Die Vernachlässigung des Alters im evolutionären Geschehen ist auch der Hauptgrund für die reduzierte biologische Plastizität im hohen Alter. Diese setzt dem kulturellen Optimierungspotenzial engere Grenzen. Deshalb bricht das Lernen im Alter mehr und mehr zusammen. Deshalb verlieren selbst die großen Stärken des Menschen, seine Ich-Plastizität und flexible Deutungskraft, im hohen Alter ihre große Effektivität. Deshalb nimmt mit dem Alter die Zahl der Dementen so rapide zu.


Quelle: http://www.zeit.de/2005/21/M-Altern?page=5

Wie groß sind die Auswirkungen dieser negativen Altersgradienten? Hier gibt es noch große Unsicherheiten. Im Durchschnitt scheinen wir zumindest ab dem 40. Lebensjahr pro Jahr etwa ein bis zwei Prozent in der Schnelligkeit und Präzision unserer Mechanik der Intelligenz zu verlieren. Wie viel unserer Intelligenzbank zusätzlich in die Pflege und das Management des Körpers geht, ist noch unbekannt, aber die ersten Schätzungen sind beträchtlich höher, als man dies früher dachte.

Quelle: http://www.zeit.de/2005/21/M-Altern?page=6

Hintergründe zur den G8-"Krawallen"

Vor den Anschlägen in London war es das Thema in den Medien: Die "Krawalle" von Demonstrationsteilnehmern gegen den G8-Gipfel in Schottland. Verständlicherweise sind sie nun weniger das aktuelle Thema. Das mich aber nicht daran hindern hier einen Artikel der konservativen FAZ aus dem nicht konservativen Fueilleton-Teil zu zitieren, der einiges richtig stellt:

[...] Am Montag waren die Ausschreitungen in Edinburgh die Nachricht des Tages. Jeder, der dort war, wird Ihnen sagen, daß die Polizei verängstigte Touristen und Zuschauer, Journalisten und Demonstranten in die Ecke trieb und so eine brisante Lage schuf, in der Jugendliche sich einen Spaß daraus machten, sich mit der Polizei eine Schlacht zu liefern. Einige wenige Leute sahen einige wenige Anarchisten, aber Angst hatten die Menschen vor der Polizei.

Der Krawall in den Schlagzeilen

Die einzige Zeitung, die wahrheitsgetreu über das Geschehen berichtete, war der „Dundee Courier”, denn der Nachrichtenchef war selbst vor Ort gewesen. Er druckte die Polizeiversion des Geschehens ab und schrieb auf, was er mit eigenen Augen gesehen hatte. Die übrigen Zeitungen übernahmen die Version der Nachrichtenagenturen und übergingen die Berichte der Reporter, die vor Ort gewesen waren. Am nächsten Tag galten sämtliche Schlagzeilen dem Krawall und nicht der Armut in der Dritten Welt.

Am Mittwoch gingen wir nach Gleneagles. Wegen Polizeiabsperrungen und Anarchisten-Sit-ins brauchten wir vier Stunden für den Weg, für den man sonst allenfalls eine Stunde benötigt. Aber wir marschierten in einem friedlichen Protestzug, umgeben von massiver Polizeipräsenz. Da hofften wir noch, die Presse werde über die Ansprachen berichten und über die Ziele der aus aller Welt angereisten Demonstranten.

Die Fotografen riefen nach Gewalt

Doch die Fotografen klagten über Langeweile und riefen offen nach Gewalt. An der einzigen Stelle des Weges, an der etwas passieren konnte, waren Fernsehkameras auf Hebebühnen aufgestellt. Der Weg führte direkt zu einer Absperrung, die den Zug aufhielt, so daß die Demonstranten zusammengedrängt wurden. Man erlaubte der Menge, in eine schmale Straße auszuweichen, die an einem Feld vorbeiführte. Eine Kette aus Polizisten konnte dort leicht verhindern, daß einzelne Demonstranten auf das Feld vordrangen.

Eine Weile war alles ruhig. Doch die Kameras warteten, die berittenen Polizisten und die Sondereinsatzkräfte standen bereit, und so zog man die Polizeikette ab. Nun konnten Demonstranten in wachsender Zahl auf das Feld vordringen. Es kam zu Krawallen. Am Abend waren einige von uns früh genug daheim, um in Edinburgh Tausende zu einem weiteren Konzert versammelt zu sehen - oder eher zu einer politischen Großveranstaltung mit Musik, dem letzten Appell an die G-8-Staaten, mit Weisheit, Würde und Menschlichkeit zu handeln. Am nächsten Morgen galten alle Schlagzeilen den Krawallen, nicht der Unnachgiebigkeit und Habsucht unserer Regierungen und Unternehmen.[...]


Quelle: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E4923D6B257D04F56BF67E8A0EA08327B~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Vidoes von den Protesten gibt es hier:

http://kanalb.de/topic.php?clipId=129#Clip

Der liberale Flügel

Es gab Zeiten, in denen war die FDP eine echte liberale Partei mit liberalen Ansichten. Diese Zeiten sind lange vorbei - die FDP ist längst der verlängerte politische Arm des BDIs geworden und durch zahlreiche finanzielle Unterstützung von der Großindustrie abhängig. Manchmal aber schimmert noch ein bißchen liberale Restwärme durch, wie kürzlich, als die das Informationsfreiheitsgesetz dank der FDP-mitregierten Länder im Bundesrat nicht von der Union blockiert werden konnte:

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20480/1.html

Transparency International fordert ein solches Gesetz schon lange zur effektiven Korruptionsbekämpfung. Worum geht es bei dem Informationsfreiheitsgesetz geht beantwortert der gemeinnützige Verein hier:

http://www.transparency.de/10_Fragen_und_Antworten_zum_In.405.0.html

Freiheit und Sicherheit

Wir werden nicht die Fehler vergangener Generationen wiederholen, Tyrannei hinzunehmen und Freiheit im Namen von Sicherheit zu opfern

George W. Bush laut http://www.zeit.de/2005/21/Antwort_S_3

Die Worte Freiheit und Sicherheit erfahren hier eine ganz wudersame Neudefinition.

Passend dazu:

Und vielleicht musste einfach auch einmal auf der Leinwand festgestellt werden, dass es kaum etwas weniger Liberales gibt als einen Amok laufenden Liberalismus.

Quelle: http://www.zeit.de/2005/21/Cannes_Zwischen

Gelassenheit

thomashoehn

Gelassenheit ist das falsche politische Klima, um umstrittene Entscheidungen wie die Einführung biometrischer Personalausweise umzusetzen. Politiker, die so etwas vorhaben, schätzen viel mehr Zeiten der aufgeregten Hysterie - denn Angst macht das Volk leicht regierbar. Gelassenheit wird den Europäern aber uninsono von allen Medien zur Zeit zugesprochen, was manch einen britische Politiker zu verägern scheint:

Die britische Regierung fürchtet, dass die Terror-Anschläge in London weitere Attentate nach sich ziehen könnten. Innenminister Clarke appelierte in einem Rundfunkinterview, das mutmaßliche El Kaida-Bekennerschreiben ernst zu nehmen. [...] „Wir müssen uns des Risikos eines weiteren Anschlags absolut bewusst sein“, sagte Charles Clarke der BBC

Quelle: http://www.handelsblatt.com/pshb/fn/relhbi/sfn/buildhbi/artpage/0/cn/GoArt!200013,200051,925342/SH/0/depot/0/Angst_vor_neuen_Anschl%E4gen_greift_um_sich.html

yoda

Hört sich ja schon fast verzweifelt an, wie er dem britischen Volk zuruft, weitere Drohungen und das als falsch entlarvte Bekennerschreiben ernst zu nehmen.

Bilderquelle: http://www.werenotafraid.com/index.php?paged=2

Rechtsschutzversicherungen

Wann lohnt sich eine Rechtsschutzversicherung? Genau dann, wenn man sie besonders oft benötigt. Allerdings wirft sie einen dann wieder raus:

Vorstandsmitglied Jan-Peter Horst sagte am Mittwoch in Düsseldorf, die Überprüfung von Rechtsschutzkunden, die besonders häufig Versicherungsleistungen in Anspruch nehmen, habe bislang zur Kündigung von 60.000 Verträgen geführt. Jede 25. Kundenbeziehung sei überprüft worden. Angepeilt sind 80.000 Kündigungen.

Quelle: http://www.handelsblatt.com/pshb/fn/relhbi/sfn/buildhbi/cn/GoArt!200012,200039,923725/SH/0/depot/0/Arag_k%FCndigt_wegen_Sparkurs_zehntausenden_Kunden.html

Ich bin mal gespannt, wann Krankenkassen damit beginnen Kunden rauszuwerfen, die krank werden ...

Aus muslimischer Sicht

Tariq Ali schrieb einen Artikel, den z.B. die taz heute in deutscher Übersetzung abdruckt. Der Artikel eignete sich zum Skandal, wenn er größere mediale Aufmerksamkeit bekäme, wovon ich allerdings nicht ausgehe.

Es wird dort nämlich die verkürzte aber in der islamischen Welt - so glaube ich - sehr verbreitete Sicht vertreten, die Kriege im Irak und in Afghanistan sowie die Besetzung Palästinas seien von gleicher Qualität wie der islamistische Terror:

Die Bombardierung unschuldiger Menschen in Bagdad, Dschenin und Kabul ist genauso barbarisch wie die in New York, Madrid oder London.

Es muss aber immer wieder betont werden, dass ein Krieg zwischen Kombatanten - so ungerechtfertigt er auch sein mag, so niederträchtig auch die vermutenden Ziele sein mögen - nicht mehr Terror zu vergleichen ist, so lange Zivilisten nicht gezielt verletzt und getötet werden.

Allerdings ruft der Artikel auch in Erinnerung, dass der muslimische Teil der Welt tatsächlich in einer anderen Welt lebt als wir:

Die wirkliche Lösung liegt in der schnellen Beendigung der Besetzung des Iraks, Afghanistans und Palästinas. Nur weil über diese drei Kriege nur sporadisch berichtet wird und sie den meisten Bürgern Europas nur wenig bedeuten, heißt dies nicht, dass die Wut und Bitterkeit, die die Kriege in der muslimischen Welt und ihrer Diaspora verursachen, unbedeutend sind.

Wieviele irakische Todesopfer gab es seit dem Beginn der Besetzung? Welcher Europäer weiß das? Hier interessiert das niemanden. Erwarten wir von einem Iraker, der in einem Land lebt, in dem täglich Menschen getötet und Verdächtige gefoltert werden tatsächlich, dass er den rund 50 Toten in London besonders viel Aufmerksamkeit schenkt? Es gibt Tote erster und zweiter Klasse - in jeder Gesellschaft. Hierzulande interessiert es z.B. kaum jemanden, dass täglich ca. 24.000 Menschen an Hunger sterben. Die islamische Welt ist ständig bedroht - vom Terror aus eigenen Reihen und von Krieg.

Nach dem Terroranschlag von London ist viel von Madrid die Rede. Was hierzulande noch kaum einer weiß: Casablanca, Djerba, Istanbul und Riad waren ebenfalls das Ziel von Al-Qaida-Terroristen.

Nachtrag vom 9. Kuli 2005:

Nach den Anschlägen in London heute lief ich zu den Gebäuden der Britischen Botschaft im Norden Teherans, um herauszufinden ob da besondere Sicherheit herrschte - und auch, um Teheraner auf der Straße zu fragen, was sie von den Anschlägen hielten. "Was für Anschläge?", erwiderte einer der Polizisten des Diplomatischen Service. Er habe nichts von Bombenanschlägen gehört.

Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,337284,00.html

Ganz ähnlich A.L. Kennedy in der FAZ, der unter der Überschrift "Für viele sind wir die Terroristen" folgendes schreibt:

Niemand erwähnte, daß die Zahl der Opfer, so schrecklich sie war, in Bagdad an den meisten Tagen als recht gemäßigt gelten würde.

Quelle: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E4923D6B257D04F56BF67E8A0EA08327B~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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