Montag, 13. Juni 2005

Generation Praktikum


Keine Zielgruppe

Ja, also ganz ohne Generationendefinition kommt man eben nicht aus als Medium. Und gerade arbeiten sie wieder daran, so etwas wie einen aktuellen Generationenbegriff herauszuarbeiten. Die ZEIT prägte den Begriff Generation Praktikum, der zunächst eine rein ökonomische Perspektive einnahm und weder irgendein Lebensgefühl oder eine Lebenseinstellung zu fassen versuchte, sondern vor allem die wirtschaftlichen Zwänge in der siche junge Akademiker heute befinden beschreiben sollte. Aber hey, endlich hatte sich wieder ein überregionales Medium an den Begriff "Generation" gewagt und prompt wurde er übernommen und aufgebläht.

Die Rheinische Post gestaltete z.B. einen Leitartikel "Lieber ziellos als stillos", indem irgendwie alles was zum Thema junge Akademiker mal gesagt werden sollte, verwurstet wurde. Konservative Einstellungen im privaten Nahbereich, Träumen von Rebellion, Politikverdrossenheit, Armut mit Stil (Alexander von Schönburg lässt grüßen), Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, finanzielle Unterstützung durch die Eltern, Leben in Prenzlauer Berg usw. usf. Passt irgendwie alles nicht so recht zusammen? Stimmt! Aber das sind halt die z.T. inkonsistenten Assoziationen, die einem RP-Redakteur so durch den Kopf gehen, wenn er vom Redaktionsleiter den Auftrag bekommt "doch auch mal was über die 'Generation Praktikum' zu schreiben". Und da es natürlich in keiner Zeitgeist-Analyse fehlen darf, wird natürlich auch noch Uwe Tellkamps "Der Eisvogel" erwähnt, den glaube ich noch niemand gelesen aber über den schon jeder gesprochen hat. Und dass dieser Roman und die darin angesprochene konservativ-revolutionär-antidemokraritische Lebenseinstellung noch viel weniger in das bis dahin entworfene inkoheränte Bild der "Generation Paraktikum" passt, fällt dann auch nicht mehr wirklich ins Gewicht.

Okay, so viel zum lokalen Mief. Jetzt musste sich natürlich auch der Spiegel mal dazu äußern. Wie man es vom Spiegel gewöhnt ist, wird erstmal eine locker-flockige feuilletonartige Einleitung vorausgeschickt, die "ein Bild von der vorherrschenden Stimmung vermittelt" - so wie man es eben in der Henry-Nannen-Journalistenschule lernt:

Es ist Donnerstagmorgen, halb zehn, die Bänke vor dem Café "Transmontana" im Hamburger Schanzenviertel liegen im Schatten.

Die Überschrift lässt man sich natürlich nicht von der ZEIT diktieren, sondern nennt die anvisierte und gleichmeinende Generation - eben die Generation junger Akademiker - kurzerhand frech in "Generation Milchkaffee" um, was, ganz wie man es wiederum gelernt hat, natürlich einen lockeren Bezug zum Inhalt des Textes aufweist, in der die Autorin beschreibt wie sie mit einer Brosche von Prada im Hamburger Schanzenviertel einen Kaffe trinkt.

Näher auf den Inhalt einzugehen lohnt eigentlich nicht, denn desweiteren wird keine Generation, sondern ein lokaler Kiez beschrieben, weshalb die witzig-lockere Überschrift und eigentlich überhaupt das ganz Thema, auf das der Artikel offensichtlich abzielen wollte, verfehlt ist.

Parrallelgesellschaften - Parallelgenerationen?

Was aber bemerkenswert an all dem ist, ist die offenbar verzweifelte Suche der intellektuellen Elite nach einer Generation und dem, was dieser Generation noch gemein sein soll.

Aber um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen, als jemand der 22 ist und bald zu eben jener Generation gehören wird, die hier so oft zu beschreiben versucht wird, nämlich jene der jungen arbeitslosen Akademiker: Ja, man findet so etwas wie übereinstimmende Lebenstile in Friedrichshain, Prenzlauer Berg oder dem Schanzenviertel von Hamburg - aber das gab es immer, es sind lokale Ausprägungen, die vielfach auch gezielt gesucht werden. Aber die Mehrheit der "Generation Praktikum", um nicht zu sagen, fast alle, wohnt eben weder in Prenzlauer Berg noch im Schanzenviertel oder Friedrichshain. Und was es nicht mehr gibt (oder vielleicht nie wirklich gab?) ist so etwas wie ein alle umfassendes Generationengefühl, etwas, was eben dieser Generation gemein ist und über die Umstände, in denen sie lebt, hinaus geht. Vielmehr gibt es eben sehr viele Parallelgenerationen, die jeweils ihre eigene Generationenkultur herausgebildet haben - so wie eben die arbeitslosen jungen Akademiker im Schanzenviertel oder Friedrichshain.

Das ist mein Beitrag zur Blog-Aktion "Ich bin keine Zielgruppe".

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